Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Dezember 1911 (Leipzig)


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Leipzig, 10.XII 11.
Liebe Schwester!
Schreiben Sie nur immer ordentlich: ich lese viel lieber Briefe von Ihnen als Vorlesungen. Besonders gern, wenn Sie mir über Ihr Befinden so Gutes schreiben. Wenn dann auch die liebe Tante gesund ist, sehen wir uns ja bald, und Sie sollen dann nicht eine Minute zu Worte kommen.
Aber noch ein Packet? Das ist ja unerhört. Selbst, wenn es nur Baritonnoten enthalten sollte! Die Religionsphilosophie können Sie behalten oder mitschicken, wie Sie wollen. Ich werde sie auch im Sommer nicht lesen (wegen zu befürchtender Verführung "meiner" Pädagogen), sondern neben den päd. Theorien des 19. Jhrhdts (3 st.) Phil. d. Gegenwart 2 st. Das Paket kam neulich Montags an. Im Norden werden P. Sonntags nicht bestellt. Das Geld bringen Sie lieber nicht mit. Im einzelnen kann ich das nicht begründen, aber ich übersehe meine
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| Situation noch nicht. Diesen Monat habe ich z. B. garkeine Examensgebühren; doch habe ich ca 100 M lit. Honorar zu erwarten. Die Sache mit Frau Paulsen hat keine so große Eile.
Das Bild ist ganz entzückend, d. h. das von der kleinen Hanna. Bei dem andren probiere ich eben das (übrigens ganz richtig gemachte) Haarmittel. Vielleicht werden dann die Bäumchen wieder grün. Dank für das Couvert. Sollten Sie mal nach Leipzig kommen, so will ich auch ein Glas Gose an Sie wenden!!
Den Rheumatismus, der mir in den Gliedern lag - Gelenkrheumatismus soll hier endemisch sein - hat, wie Sie aus beil. Brief sehen, Antonie bekommen. Die Sache wundert mich garnicht. Die Wahl war 3/4 ein Reinfall. Dafür kann sie natürlich nicht, daß sie krank wird, sie sollte aber doch nicht patzig sein, sondern froh, daß sie eine so ruhige Stelle hat. Spätestens zu Ostern muß da
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| ein Wechsel erfolgen. Ich habe schon vor Wochen an den Pfarrer Kirmß geschrieben, aber er hat keine Antwort erhalten.
Vorgestern war beim Zoologen eine Raubtiergesellschaft von ca 60 Mann, die sich um den bekannten Forschungsreisenden Hans Meyer gruppierte. Meine Nachbarin von links war die kl. Trendelenburg. Die Mutter habe ich auch kennen gelernt.
Anstecken muß man sich nicht lassen. Dr. Rüstow, der einzige Mensch, dem ich hier nähergetreten bin u. der morgen mit Frau u. Kind nach München übersiedelt, hatte Angina u. Mittelohrentzündung u. freute sich, daß ihn ein Mensch (wie ich) besuchte!!
Sie haben ganz recht: ich habe hier eine ganze Portion Gemütsruhe wiedergefunden u. lebe in dem Gefühl, der Sache geistig nach allen Seiten gewachsen zu sein. Was mich bedrückt, ist nur der schlechte Nervenzustand, den ich mitgebracht habe, u. der mich zu fort
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|gesetzter Vorsicht zwingt. Ich bin jetzt schon recht abgenützt; aber in 10 Tagen ist ja hier Schluß, und vielleicht komme ich zu Weihnachten etwas in die Höhe. Die Verpflegung im Hause ist etwas herabgegangen. Ich muß jeden Tag im Café oder sonst nachhelfen: ein Beweis, daß Schlaf u. <Zeichnung: Symbol, ähnlich einem „Z“> Appetit gut sind. Aber ich ermüde leicht u. bin auch heute im Kopf nicht frisch, obwohl viel zu tun (dies der 7. Brief.) u. um 8 Gesellschaft beim Mathematiker. Vormittag war ich bei Dalcroze, mit Interesse, obwohl nicht ohne Skepsis. Die Weltentwicklung hängt jedenfalls davon nicht ab, ob man mit dem rechten Arm 4/4 mit dem linken 3/4 Takt schlägt. Die ganze Un. war da, ein infames Rattennest.
Ich werde mich wohl demnächst etwas programmatisch über die Schulfrage vernehmen lassen müssen. Hier ist nämlich die helle Revolution im Gange. Andrerseits habe ich die Paulseneinleitung mit einem Totenlied auf
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| diese ganze Pädagogik schließen müssen. Das Erstrebenswerte liegt also in der Mitte. Davon will ich Ihnen erzählen. Die Dinge treiben einen hier zur Stellungnahme.
Frau Dilthey hat schon gefragt, wann ich in Berlin bin, damit sie ihre Zeit einteilen kann. Und auf die Mädchen freue ich mich doch auch. Es ist doch eigenartig, daß ich als Docent nie so ganz warm werde. Eine gewissen Neigung zum Schriftstellern u. Selbstdenken ist hier eher gewachsen. Die Übungen sind gut im Gange, aber sehr anstrengend (fast 2 Std. ohne Pause.) Was mir hier die größte Freude macht, ist offenbar die Möglichkeit, mich, wenn nichts dazwischenkommt, finanziell in Ordnung zu bringen. Da haben Sie den ganzen Materialisten.
Aber für heute Schluß. Ich bin ungeduldig auf den 2. Feiertag. Eine Andeutung Ihres heutigen Briefes müssen Sie mir dann
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| erklären.
Und nun vielen innigen Dank. Ich bin, auch ohne Brief, stets nur der Ihre.
Dein
Bruder
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<als Anhang> <Zeichnung: Stundenplan, in dem seine Termine eingetragen sind.>
<als Anhang> <Zeichnung: Skizze seiner Wohnung mit Legende. Zimmer und Einrichtungsgegenstände sind bezeichnet.>