Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Dezember 1911 (Leipzig)


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Leipzig, den 18. Dezember 1911.
Liebe Schwester!
Gestern habe ich Weihnachten mit Ihnen gefeiert, und es war sehr weihevoll. Alle meine guten Geister waren um mich: so waren wir zu dreien, und aus dem Bild schaut etwas auf mich herab, was verwandt ist dem deutschen Idealismus in mir. Vielleicht haben Sie mir nie eine so tiefe Weihnachtsfreude bereitet wie diesmal: Freude ist nicht das rechte Wort: es war mir, als wenn ein halb Besessenes und lange Vermißtes wieder mein eigen würde. Es liegt auch darin eine Symbolik: Erst jetzt kann ich dem Bilde meiner Mutter in mir die rechte Fassung geben, da ich weiß, daß wir alle nicht umsonst gekämpft und gelitten haben. Es ist schön, daß das äußere Schicksal mich gerechtfertigt hat; denn [über der Zeile] aber wäre es minder wahr gewesen, wenn dies nicht oder noch nicht eingetreten wäre? Jedenfalls sehe ich nun jenseits von Wolken
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| und Nächten jenen blonden Kopf wieder auftauchen, der ähnlich sein muß, weil er mir so ähnlich ist. Ich wußte, daß Sie dies Bild erst vollenden mußten. Oft wundre ich mich, daß Sie und meine Mutter zwei Wesen sind. Ich werde das Bild nicht mit nach Berlin nehmen: es soll hier mein Schutzgott sein und mein persönlichstes Eigentum.
Abends, nachdem ich von Connewitz (mit Salow) zurückgekehrt war und ich allein zu Hause war, habe ich den Lichterkranz angezündet und Ihrer gedacht. Was haben Sie wieder alles hineingepackt in diesen Karton! Und wie arm stehe ich schon rein an Gedanken, geschweige an Geschenken für Weihnachten vor Ihnen! Einen Tag kann ich hier die Pension abbestellen, ehe ich die Viktualien verzehrt hat. Auch mit Happen hat man nicht geknapst. Die Krawatte kommt sehr zur rechten Zeit, gefällt mir glänzend. Glänzend war auch das Papier, in dem ich den Puff hierher gebracht hatte
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| von einem Fett, das ich sonst an mir nicht bemerke. Hoffentlich vergesse ich den alten nicht mitzubringen in dem kommenden Trubel. Mit dem Bleistift werde ich Dissertationen korrigieren, u. der Siegellack in beiderlei Gestalt hilft geradezu einem schreienden Bedürfnis ab. Aber ich weiß nicht, wo anfangen, wo aufhören, und wenn ich gar noch denken wollte - käme ich heute nicht in die Sitzung, in die ich gleich muß. Es ist nämlich jetzt über alle Begriffe toll. Bis Donnerstag Mitternacht ist nicht eine Minute frei. Ich werde vielleicht Freitag noch hierbleiben müssen, um nicht zu sehr zu hetzen; denn vorher komme ich nicht 1 Moment zu meinen Privatsachen, und das bedrückt mich heute schon, daß meine kl. Weihnachtssendung zu ihrer Unscheinbarkeit auch noch so spät kommt. Aber es ist physische Gewalt, u. ich hoffe nur, alles zu schaffen. Heute morgen hatte ich die 1. Probelektion u. d. 1. mündliche Examen. Donnerstag lese ich noch u. Abends Examen.
Beiliegender Brief hat mich gestern sehr aus dem Gleichgewicht gebracht. Erna ist mein Patchen. Ich
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| habe nicht anders gekonnt als 30 M schicken, die ich natürlich nie wiedersehe. Auch will ich versuchen, für m. Onkel eine Stellung zu vermitteln. Aber m. Hoffnungen sind gering! Vorläufig kann ich ja anderen noch nicht helfen. Aber diese 30 M. mußte ich schicken.*) [Fuß] *) Ich verschiebe dafür einige geplante Anschaffungen. Denn einzeln betrachtet verdiene ich hier 30 M unter Umständen wie nichts - für ¾ Std. Konversation. Aber ich sehe voraus, daß jetzt in Ch. die Thaler wie ein sanfter Bach fließen werden.
Ich muß schließen. Sagen Sie doch in Heidelberg m. Dank. Und vor allem grüßen Sie die Tante, u. schreiben Sie mir, wie Sie ankamen u. wie Sie sie fanden. Hoffentlich gut. Der Winter ist ja so mild diesmal!!
Es gäbe noch mancherlei. Aber das lasse ich bis zum 26. Auf m. Karte bekomme ich wohl noch Nachricht. Vielen innigen Dank nochmals und herzlichste Grüße.
Dein Bruder.

[re. Rand] In Ch. blüht mir möglicherweise die Erholung, im Restaurant zu essen.
[Kopf] Gestern 1/2 12-1 8 Gegenbesuche empfangen.