Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1911 (Charlottenburg 4, Pestalozzi-Str. 9a)


[1]
|
Charlottenburg 4, Pestalozzi-Str. 9a.
Den 23. Dezember 1911.
Liebe Schwester!
Seit 1 Stunde bin ich hier, habe aber nur die bejammernswerte Gestalt der Antonie gesehen: mein Vater ist beim Frühschoppen. So kann ich meinen Weihnachtsbrief noch rechtzeitig schreiben: denn schließlich besteht alles, was ich Ihnen zu Weihnachten schenken kann, in der Wiederholung alter, treuer Gefühle. Die kleine Tasche findet vielleicht Ihren Beifall: die andre, dickbäuchige, die Sie in Mannheim geklaut hatten, gefiel mir garnicht, und da Sie so vieles mit mir getragen haben, sollen Sie auf Ihren Wegen auch etwas von mir tragen.
Hier wird äußerlich kein Weihnachtsbaum strahlen, und er wird mir nicht fehlen, weil ich an keinen eine ganz reine, freudige Erinnerung habe. Aber ich glaube: Sie werden sehen: in meinem Innern leuchtet jetzt wieder einer.
[2]
| Ich bin doch noch glückfähig; habe ich jetzt erfahren, wenigstens im Sinne einer ruhigen Gemütsverfassung. Die äußeren Verhältnisse waren zu schwer. Jetzt bin ich an meiner Stelle, aber ich wäre es nicht ohne Sie.
Wenn Sie morgen mit der verehrten Tante Weihnachten feiern, werde ich im stillen dabei sein. Möge es auch für Sie eine freudige und ruhige Stunde sein. Wir werden dann diesmal wirklich an einem Feiertage zusammen sein. Nach meinen heutigen Erfahrungen ist der Fahrplan jetzt nicht so zuverlässig, wie im Sommer. Richten Sie sich also mit Ihrem Proviant auf Verspätung ein. Am 3. Feiertag gibt das wohl eine ganze Familienchaise - hübscher wäre es freilich (der alte Egoist) wir führen allein!
Die wirklich ungeheure Arbeit der letzten Tage habe ich ganz gut überstanden. Im einzelnen erzähle ich mündlich. Alles ist à jour, und ich werde mich bemühen, hier so vernünftig zu leben, daß ich der 2. schwereren Winterkampagne gewachsen bin. Zuletzt habe ich noch die
[3]
| 400 Folioseiten starke Diss. von G. Thiele gelesen, deren Vorgeschichte Ihnen vielleicht noch aus Ilmenau erinnerlich ist. Es ist ein sehr schönes Opus geworden, ganz nach meinen Intentionen, jedenfalls das Anständigste, was ich in Leipzig bisher zu sehen bekommen habe, und ich habe versucht, die Sache bei der Fakultät mit Nr. I. durchzudrücken. Hierher habe ich nur 3 Staatsexamensarbeiten mitgenommen. Vielleicht komme ich daneben noch zur Antrittsvorlesung. Daß die Paulsen-Einleitung bereits gedruckt ist, schrieb ich wohl schon.
Von meinen Freunden außer Scholz höre ich nicht 1 Wort, will auch die ersten Tage ein bißchen Ruhe halten. Ohnehin ist das Programm (Paulsen, Dilthey, Riehl, Knauer, Scholz, Böhmsche Schule) etwas bunt.
Hier ist es kälter als in Leipzig, wo die Rosen blühen. Ein infames Nervenklima. Doch ging es zuletzt immer besser. So schlecht wie August - Oktober ist es übrigens lange nicht gewesen.
[4]
|
Von Ihren Weihnachtsgeschenken habe ich mich dick genährt. Hier ist mir das späte Essen zunächst ungewöhnt. Wir haben m. Onkel zum 1. Feiertag eingeladen, er will aber nicht kommen. Aus der Reise nach Lichterfelde mache ich mir wenig. Überhaupt ist mir der Anblick der zahllosen Vehikel hier verhaßt. Die Form des Lebens in Leipzig ist mir angenehmer. Am vor. Sonntag habe ich den ersten u. einzigen Ausflug gemacht: An den waldigen Pleißeufern schmeckt man förmlich die Bakterien. Da schätzt man Cassel!
Aber ich breche ab, in der freudigen Hoffnung auf überübermorgen. Viele Grüße der Tante und Ihnen und eine schöne Feier. Reisen Sie glücklich zu Ihrem
Bruder.