Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Januar 1911 (Cassel)


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Casssel. 7. Januar 1911
Mein geliebter Bruder.
Wem sollte ich lieber den ersten Brief im neuen Jahre schreiben? Freilich - noch lieber wäre es mir, ich brauchte nicht zu schreiben, u. Sie wären noch hier! Ich kann mich noch garnicht recht gewöhnen u. gestern gegen Abend ging ich allein unsern Weg durch die Königstraße, Kölnische Straße zum Bahnhof, als könnte ich Ihnen dadurch näher kommen.
Haben Sie Dank für Ihren lieben Brief. Tanting läßt Ihnen sagen, Sie brauchten Ihr nicht zu schreiben u. sie freue sich, wenn es Ihnen bei uns behaglich war u. wohlgetan hat. - Wie ist es damit, lieber Freund? Hat Sie das Reisen u. alles Drum u. Dran nicht zu sehr angestrengt, daß auch das geistige Ausruhn voll wirken
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| konnte? Und haben Sie keine dummen Bazillen mitgenommen? Daß ich wenigstens gesundheitlich ruhig sein kann über mein geliebtes Sorgenkind!
Und sonst - wie fühle ich mich machtlos gegenüber der schweren Last mit der das Leben auf Ihren Schultern liegt. Es ist grenzenlos tragisch, daß man mit allem, was man zu geben hat, dem andern nichts von seinem schweren Dasein aufwiegen kann. Wenn ich in Berlin lebte, ich glaube sicher, daß ich Ihnen die schwerste Aufgabe durch mein Dazwischenstehen erleichtern könnte. Aber es ist ja zwecklos, daran zu denken, weil es unmöglich ist.
Nur zu dem einen lassen Sie mich helfen, daß Ihr Herz nicht verbittere, daß Ihre Seele nicht Schaden leide in dem harten Kampf. Lassen Sie uns durchdringen zu dem Mitleid mit denen, die nicht wissen, was sie tun. Gewohnheit u. die Stimme des Blutes möchten einen Ausdruck
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| finden, für den die Lebensäußerungen des gegenwärtigen Menschen nicht den geringsten Anstoß u. Anknüpfungspunkt bieten. Was gäbe ich drum, wenn ich Ihnen hier zu einer erträglichen Stellung helfen dürfte. Wir wollen nicht mehr an ein eisernes Gesetz der Pflicht denken, nicht an Normen, die uns zu Sklaven einer verachteten Natur machen, sondern an unser Heil u. unsre Seligkeit, u. so wollen wir um unsrer selbst willen mit neuer Kraft u. ernstem Willen an die Aufgabe des Lebens gehen. Was ist uns das Urteil von außen, der Buchstabe des Gesetzes? Wir selbst ertragen nicht, was unsrer unwürdig ist. Und so wollen wir Beide von neuem streben. Ich weiß wohl, ich habe es viel, viel leichter. Und doch kommt auch bei mir wohl auf ein Gelingen zehnmaliges Unterliegen. Das ist es gerade, daß man von uns als verbrieftes Recht beansprucht,
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| was wir freiwillig geben möchten. Dieser Anspruch aber tötet, was sich an leisem Leben regen will.
Sie haben doch jetzt eine viel größere Selbständigkeit errungen, vielleicht können Sie nun doch einmal wieder die innere Unabhängigkeit gewinnen, die über der Situation steht. Eine Welt von Sonnenwärme u. Liebe hätte ich mögen über Sie ausgießen, damit es Sie erfülle mit froher Kraft. Quälen Sie sich nicht, wenn es oft u. oft noch mißglückt, aber lassen Sie uns nicht müde werden, den Weg zu suchen, den wir in freier Würde gehen können. Jetzt kommt nun als dringende Forderung die Wohnungsfrage. Schieben Sie es ja nicht auf, das läßt auch die Tante sagen. Wenn Sie es mit einem geringen Opfer durchsetzen könnten, wohnen zu bleiben - ich glaube 50 M wäre es wert.
Von uns ist nichts zu erzählen.
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| Wir leben still, wie Sie das nun kennen, Tante hat jetzt wieder besseren Schlaf u. Appetit u. erholt sich nach u. nach. Mein Husten läßt auch nach, aber noch ist es nicht so, daß ich an die kleine Operation gehen könnte. Heute kam ein längerer recht lieber Brief von Aenne, die zum Glück nicht empfindlich ist. Sie haben recht viel Schwierigkeiten in der Familie, was mir auch um die alte Großmutter recht leid tut. Welch ein Chaos ist doch dies Getriebe der Menschen. Wohl dem, der ein Ziel, ein Jenseits im Herzen trägt!
- Wie freuen mich die guten Nachrichten vom "großen Humboldt". Die Recension habe ich noch nicht gelesen, schicke sie das nächstemal zurück. - Mögen Sie Freude haben am
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| Wirken. All die goldenen Samenkörner, die Sie als " kleine Münze" ausstreuen, sind gesegnet, denn es sind ja Lebensfunken Ihres Geistes. Freuen Sie sich dieser lebendigen Saat in stillem Vertrauen. Und lassen Sie uns den Bund erneuen, fest u. ohne Selbstquälerei in der Gegenwart zu stehen u. unsrer tiefen Gemeinsamkeit froh zu sein.
So bin ich - zeitlos u. ewig
Deine Schwester.

Grüßen Sie Ihren Vater u. wen immer Sie gerade geeignet finden. Auch von der Tante herzlichste Grüße.