Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10./12. Januar 1911 (Cassel)


[1]
|
Cassel, 10. Januar 1911
Lieber Bruder.
Heut spiele ich Patient u. wenn es eigentlich auch nur die pure Faulheit ist, so gefällt es mir doch sehr wohl. Ich habe mir gestern die Sache bei dem Halsdoktor machen lassen. Es war garnicht schlimm, aber wenn man im ganzen etwas marode ist, greift auch solche Kleinigkeit an. Das Tantchen füttert mich mit Suppen u. Apfelmus, u. ist selbst zum Glück wieder viel mobiler. Ihr Besuch ist ihr wirklich sehr gut bekommen, die ganze Stimmung ist seitdem eine andre. Wissen Sie, es wird wohl davon kommen, daß sie fühlte, wie glücklich sie uns beide damit gemacht hat.
Wie mag es Ihnen nur jetzt gehen? Ob Sie die langen Tage recht ergiebig ausnutzen konnten? Ich wagte nicht, Sie zu längerem Bleiben zu überreden,
[2]
| u. doch reute es mich, daß ich es nicht versuchte. Es war doch garzu kurz, um eine Wirkung zu haben. Und wie oft habe ich an mir selbst erfahren, daß übertriebene Gewissenhaftigkeit sich recht wenig lohnte.

Am 12. Heute kommt Ihr lieber Brief, der mir die ersehnte Nachricht brachte, aber leider, wie ich fürchtete, nicht sehr günstige. Giebt es denn für uns nichts, garnichts worin wir etwas Ruhe finden könnten? Eine Zuflucht, wo frei von Anforderungen u. Lasten die Seele neue Kraft schöpfen könnte? So hoffte ich, sollte die Stille von Wilhelmshöh in Ihnen nachwirken - als Erfüllung, nicht als Sehnsucht. Aber freilich, was vermag dies eine kleine anspruchslose "Etwas" gegen die Flut des Lebens, die Sie umbrandet - so wenig, wie rein körperlich die 3 Tage eine fühlbare Erholung sein konnten. Ich kann nichts tun, wo ich doch mit ganzer Seele helfen möchte. In fruchtloser Sorge verzehrt sich die Kraft, die so gern zur heilenden Quelle würde. - Ach, u. die Sorgenkinder sind doch immer die liebsten!
[3]
| Lassen Sie es sich nicht verdrießen, wenn ich Sie immer wieder ermahne, alles was von Anforderungen an Sie herantritt, abzulehnen u. nur das brennend Notwendige zu tun. Sie haben eine gesicherte Position, (wir allein wissen, wie erkämpft) aber nun erzwingen Sie sich Ruhe, so viel es irgend geht. Erzwingen Sie sie auch sich selbst gegenüber mit einem festen: ich will jetzt nicht. Lassen Sie die Sorgen, ich habe das feste Vertrauen, daß die äußeren Schwierigkeiten jetzt keine Gefahr mehr sind, u. ich weiß, Sie lassen mich helfen u. ich kann es, wo vielleicht noch einmal ein Hinhalten nötig wird.
Tun Sie auch womöglich irgend etwas zu Ihrer körperlichen Erholung. Wie wäre es mit dem Cöstritzer Bier? Wenn ich Sie nur mal für ein paar Wochen hier bei der Tante in die Kur tun könnte! Könnten Sie nicht versuchen, täglich ein frisches Ei zu bekommen? Lieber nur 2 Cigarren u. statt der dritten das Ei!
[4]
| Wegen der Wohnung ist ja aus der Ferne schrecklich schwer ein Rat zu geben. Gegen die im Hause spricht die gleiche Einteilung der Zimmer, die alle alten Übelstände weiter schleppt. Dafür der Preis u. daß es oben wohl heller u. stiller wäre. - Das Haus in der Schillerstraße gefiel Ihnen früher garnicht u. alles nach Norden ist sicher nicht gut!* - War denn das bei Tante Grete nichts? Die Zimmer ließen sich gut einteilen u. sind wohl größer als bei Ihnen. - *Es ist gewiß ein Haken dabei, daß die Wohnung leer steht? Und wo anders wollen Sie sich wohl garnicht erst umsehen? Was gäbe ich drum, könnte ich Ihnen das abnehmen.
Meine Schrift wird immer häßlicher. Diese Feder ist grauenhaft, aber ich habe keine andre u. ausgehen kann ich nicht. Also - verzeihen Sie.
Die vielen mitgesandten Dinge freuen mich. Ich werde daran wieder "lesen" lernen. Es war mir in diesen
[5]
| Tagen rein unmöglich, alles war mir gleichgültig oder zuwider. Sie kennen das ja leider auch. Halb ist es physische Müdigkeit, Nervenerschöpfung, halb ist das eigne Herz zu voll von dem realen Leben, als daß irgend etwas von außen das Interesse berühren könnte.
Aber etwas von Ihnen, direkt oder indirekt, dringt immer durch u. wird wieder Anknüpfung geben auch für anderes. - Die Abhandlung von Walzel habe ich durchgesehen, um sie gleich weiterzuschicken u. freue mich der rückhaltlosen Anerkennung. Im übrigen habe ich an Stil u. Druckfehlern zu kritteln. Dann: "daß Leitzmann seine Anklage gegen Charlotte Diede wirkungsvoller gestaltet hätte, wenn er nicht auch gleichgültige Abänderungen angeführt haben würde." - Mir scheint, daß er ihr diese Gerechtigkeit schuldig war, damit man ihr nicht nur Böswilligkeit, sondern doch auch zum Teil Fahrlässigkeit
[6]
| zur Last lege. - Überrascht bin ich, daß die pedantische Langeweile der Agamemnon-Übersetzung absichtlich hineingearbeitet sein soll. Das ist ja Selbstmord!- Und dieses künstliche Streben nach strenger Form war wohl überhaupt dasjenige, was Humboldt nicht nach außen wirken ließ, rein menschlich. Daß Sie dieses Menschliche heraushoben u. mit eignem Leben erwärmten, das ist sicherlich neben allem objektiv wissenschaftlichen Wert ein großer Faktor für die Wirkung Ihrer Bücher. Ich verstehe wohl, wie in Zeiten der Ruhe die Sehnsucht nach diesem Schaffen aus der Fülle des eignen Lebens quälen kann. Aber die Kraft ist nicht erloschen, wenn sie schlummert. Auch die Winterruhe bewahrt nur die Kräfte zu neuem Frühling. Und so lassen Sie uns geduldig u. still an unsrem Lebensfaden weiterspinnen - es kommen wieder Frühlingstage, u.
[7]
| einmal kommt auch die Zeit, wo Sie in freier, beglückender Tätigkeit wieder Ihr Leben ausströmen können.
Wie sehne ich diese Zeit herbei. Wie möchte ich mit allen Kräften meines Daseins Ihnen über die dunklen Wintertage hinweghelfen dürfen, die noch dazwischen liegen. Lassen Sie uns die Last teilen, - oder vielmehr, lassen Sie mein Mittragen auch eine Hülfe sein! Lieber Freund, es ist mir ja so hart, daß ich durch die Ungunst der Verhältnisse nicht in so vielen kleinlichen Anforderungen des täglichen Lebens für Sie eintreten kann. Es wäre etwas Positives, das zu erfüllen ich fähig wäre u. worin ich mich nützlich fühlen könnte. Warum bin ich doch nicht Ihre wirkliche Schwester! - Aber nicht wahr, darauf kann ich mich verlassen, daß Sie es nie wieder so bis zum Äußersten kommen lassen, wie im Sommer, sondern wenn Sie fühlen, es ist not
[8]
|wendig, daß ich komme, dann sagen Sie es mir sofort u. ohne Zögern? Ich kann es jederzeit möglich machen, das wissen sie, aber ich kann aus der Ferne nicht ermessen, ob es u. wann es das Rechte ist. Darüber können nur Sie entscheiden. Tun Sie es in meinem Sinne, das ist meine Bitte, um meiner Ruhe willen.
Von den schönen Nelken ist eine noch immer frisch, als ob sie unverwelklich wäre, u. ihre Blumensprache redet leise u. lieb mit mir. Sie spricht von dem Unvergänglichen, das wir im Leben gefunden haben, u. das seinen Glanz ausbreiten möchte über das ganze, widerstrebende Dasein. Wir wollen dankbar sein auch für die kurze Wintersonne. Es ist eine so siegesgewisse Zuversicht, solch heißer, selbstloser Wille in mir, mit Ihnen, für Sie das Leben zu überwinden. Ich verstehe so gut bis
[9]
| in die tiefsten Ursachen u. nicht zu fassenden Abgründe hinein den tragischen Conflikt des täglichen Lebens. Wer wollte da von Recht u. Unrecht reden! Aber wenn ich fühle, wie es lebensfeindlich Ihr Dasein ersticken will, verzehren in dumpfer Auflehnung, dann weiß ich, daß wir es anders anfangen müssen u. daß wir nicht müde werden dürfen, bis die heilige Kraft in uns auch hier, wo es am schwersten ist, den rechten Ausdruck finde. Nicht nach außen, in irgendwelchem Handeln u. Sichopfern - sondern in jenem stillen Opfer der Selbstverleugnung. Sie sagen es mir ja immer, es ist christlicher Boden, auf dem wir stehen. Hier fühle ich es voll u. ganz. All die psychologische Feinheit des Mit- u. Einfühlens hört
[10]
| auf, wo keine verwandten Saiten klingen, alle Gerechtigkeit, die Schuld mit noch so treuer Gegenleistung bezahlen will, versagt - nur die Liebe, die nicht das Ihre sucht, ist unvergänglich. Nichts wollen, nichts erwarten, sondern einfach geduldig ertragen, das ist der einzige Weg. Wir wissen beide, wie schwer das ist, u. unser ganzes Temperament sträubt sich dagegen. Aber wir wollen es nicht aufgeben, um die Wette zu streben u. jeder kleine Sieg verbindet uns zu friedvollem Glücksgefühl. Ja - wollen wir das? Wir wollen das Leid an der Wurzel packen u. es ausrotten von innen heraus. Das können wir nur im eignen Herzen, in Selbstüberwindung.
Hier habe ich dazu jetzt keine Ursach. Wir leben still u. friedlich wie Sie
[11]
| es ja miterlebten. Aber Sie wissen, daß auch ich ein Feld habe, das für recht Erkannte in die Tat umzusetzen u. daß mir das sehr, sehr schwer wird. Also - ich rede nicht, wie der Blinde von der Farbe u. was ich von uns beiden fordere, ist nicht irgend eine besondere Leistung oder Betätigung, sondern nur das Erringen einer Gesinnung, in der wir Frieden finden können nach innen u. außen. Wie könnten wir auf die Dauer dieses Dasein zwischen Auflehnung u. Selbstquälerei ertragen?
Vielleicht sind Sie es müde, daß ich immer wieder auf dies Eine zurück komme. Aber mir ist es von tiefster Wichtigkeit, - denn: "was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne" -
[12]
|
Die Welt aber nehmen Sie so kühl es geht u. bedenken Sie, daß Sie aus der inneren Fülle heraus auch bei halbem Einsatz noch unendlich mehr zu geben haben als Hunderte mit ihrer philisterhaften Vollkraft. - Könnten Sie nicht allen Ernstes einmal mit Dilthey reden u. ihm sagen, daß Sie vor Ostern mit Arbeit zu überlastet sind, um sich der Sache so zu widmen, wie Sie möchten? Reißen Sie sich nicht gewaltsam heraus, sondern lassen Sie ihn fühlen, wie erschöpft Sie sind. Er muß es doch einsehen, da er Ihnen doch ernstlich wohl will. Oder könnte da nicht Münch vermitteln?
Wie gern würde ich Ihnen da einen gewissen Trotz der Selbsterhaltung ansuggerieren, der einfach ohne Skrupel ablehnt, was über das Maß hinausgeht, das ohne Schaden zu leisten ist.
[13]
| Und dabei suchen Sie doch gern auch da wieder eine Verpflichtung, wo Sie zufällig mal nicht gefordert würde. Ich meine diesmal die Vermittlung für Frl. Lüpke. Aber - Sie können nicht anders, u. im Grunde kann ich Sie nicht einmal anders wünschen, als Sie sind, mein lieber Verschwender, der immer geben u. helfen muß, u. der so glücklich ist im Wirken.
Nun werde ich also erst wieder in Heidelberg von Ihnen hören. Morgen reise ich freilich noch nicht. Kurt u. Tante haben mich gewaltsam überrumpelt u. in meinem Namen abgeschrieben, da es mir gerade recht dürftig ging. Jetzt bleibe ich also noch bis zum Mittwoch, um mich von der Halsgeschichte vollends zu erholen. Es kommt mir recht feige u. pflichtvergessen vor.
[14]
|
Tantchen läßt Sie sehr grüßen u. bedauert, daß Sie nicht länger hier bleiben konnten. Sie malt sich aus, daß wir uns hier zu Pfingsten wieder treffen könnten u. daß sie ihre gute Pflege dann wirkungsvoller anbringen könne. Aber wer mag so weit voraus denken u. ich stelle mir vor, daß Sie doch auch mal etwas Andres haben möchten, was ich sehr begreiflich fände. Nur für die Gesundheit könnte ich mir freilich nichts Besseres denken.
Grüßen Sie Ihren Vater, lieber, lieber Freund. Lassen Sie mich öfter hören von sich, wenns auch manchmal nur Karten sind. Ich quäle mich so viel in Gedanken. Aber nicht beschönigen, Sie wissen, es ist unsrer nicht würdig, u. ich glaube, ich habe Wahrheit verdient.
Mit innigen Grüßen u. Wünschen treu
Ihre Schwester.