Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Januar 1911 (Bahn Cassel/Heidelberg)


[1]
|
In der Bahn Cassel-Heidelberg,
19.I.1911
Lieber Freund.
Mit guten Gedanken u. Vorsätzen fahr ich nun wieder nach Haus an mein kleines Tagewerk. Der Abschied ist mir schwer geworden, denn das Tantchen nimmt ihn so schwer u. sie ist doch jetzt so kränklich, daß man nie ganz ohne Bedenken fortgehen kann.
Ich lese mit großem Interesse die Rezension von Schönemann, gleich im Eingang fasziniert von dem, was da über die "Gesinnung" steht, da wir doch Beide eben einmal wieder unser Leben von der "Gesinnung" aus reformieren wollen. Denn wir haben ja keine Ruhe im Zwiespalt u. können nicht aufhören zu streben, bis auch das Dasein nach außen zum Ausdruck der inneren Einheit wird. Sie wissen, wie froh mich Ihr letzter Brief gemacht hat, der nun doch von einer gewissen Lichtung der Schwierigkeiten meldete. Möchte es nun doch einmal etwas eben weiter gehen, mein geliebtes Kind – ja– wenn Sie auch ein entrüstetes Gesicht machen – das sind Sie doch manchmal!
[2]
| Mich wundert in den Ausführungen von Sch. ein häufiges Betonen der "Sehnsucht" bei Humboldt, da mir doch für ihn viel mehr eine innere Zufriedenheit bezeichnend erscheint u. jene Sehnsucht nur nicht ganz fehlt. Man würde an seinem Bilde die Tiefe vermissen ohne diesen Zug u. vielleicht hebt man ihn deshalb besonders hervor, wo man ihn einmal findet – der Philologe fürchtet eine Nichtachtung seines Faches, daß er sich so wehrt, weil Sie sagen: Humboldt denke am "Kleinen" zu Ende – – – etc. – Als Gesamtheit aber bleibt einem der Eindruck, daß er ein gründlicher, eingehender, verständnisvoller Leser Ihrer Bücher ist. Wie steht es mit der Kritik, kann sie Ihnen nützlich sein? Oder ist er auch darin Partikularist?!
In meinem Zeichenblättchen sind jetzt öfter Aufsätze von allgemein-pädagogischem Interesse u. ich schicke sie Ihnen gelegentlich wieder mit zum Durchblättern. – Schade, daß die pädagog. Übungen so wenig erfreuliche Teilnahme haben.
Ich gratuliere übrigens, daß Sie die mühseligen Abschriften nun doch endlich "mit Nutzen" loswerden konnten. Die haben das entzündete Auge auf dem Gewissen, darum kann ich Sie gar nicht leiden.
[3]
| Wenn ich doch jetzt – statt nach Süden, nach Berlin führe u. morgen früh in die Religionsphilosophie kommen könnte! Ich bilde mir ein, daß mich das sehr glücklich machen würde.
In Gedanken richte ich Ihr Zimmer schon eifrig ein. Machen Sie es ja recht hübsch. Zu dem großen Fenster wird man die Vorhänge etwas verändern müssen. Lassen Sie sich nur nicht gleich was Neues aufschwatzen vom Tapezierer, u. lassen Sie sich nicht so viel dranhängen an dunklen Stoffen u. kunstvoller Drapierung. Das nimmt Licht u. fängt Staub u. ist unmodern.
Rohrbacherstr. 24.– Also glücklich angekommen u. lieb empfangen. Ich bin sehr müde, aber nun doch froh, wieder in das gewohnte Leben zu kommen. Sehr angenehm war mir die Nachricht, die ich eben vorfand, daß ich die Freitagstunde nicht zu verlegen brauche. Nun kann es gleich morgen
[4]
| wieder regelmäßig beginnen. Aenne u. ihre Mutter sind im Colleg, ich war zu faul, da nicht Sie es sind, der da "geschunden" wird.
Nun also: viele, viele herzliche Grüße aus der alten, Ihnen wohlbekannten Umgebung, von der – auch wohlbekannten
treuen Schwester.