Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Januar 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27.I.1911.
Lieber Freund.
Gestern kam zu meiner großen Freude Ihr lieber Brief, der von so mancherlei Neuigkeiten u. einer zufriedenen Stimmung berichtet. Mir war, als hätte ich eine ganze Ewigkeit nicht von Ihnen gehört, u. ich hatte große Sehnsucht nach Nachricht. Aber es ist doch, als ob ich auch in der Ferne spürte, wann es Ihnen gut geht, denn ich war gar nicht beunruhigt.
Gestern vor acht Tagen kam ich hier an u. noch bin ich nicht wieder so recht im Zuge, denn es geht mir nicht gerade sehr gut. Der Hals behindert mich nicht mehr, obgleich in der Tat die kranke Stelle nicht fortgenommen ist u. die Sache also völlig umsonst war.
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| Aber ich hatte es auch mal wieder mit dem Blinddarm, was jedoch bei geeigneter Lebensweise nach einigen Tagen verging. Jetzt schlafe ich schlecht u. bin den ganzen Tag todmüde, es ist ein dürftiges Leben. – Die Stunde in Mannheim hat recht befriedigend begonnen; die 4 Kleinen im Haus sind mehr oder minder ungeschickt, aber recht eifrig. – Was mich tagelang sehr beschäftigte ist, daß Frau Prof. Braus die Kinder jetzt von der Lehrerin an der Töchterschule unterrichten läßt. Sie war bei Aenne um es ihr zu sagen, während ich verreist war, versicherte, sehr zufrieden mit meinem Unterricht gewesen zu sein, die Kinder hätten so gut gelernt u.s.w. – Leider habe ich ihren Besuch verfehlt, als sie bei mir war, denn ich würde nun doch gern auch wissen, warum
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| sie vor lauter Zufriedenheit meine Stunde aufgiebt! – Persönlich glaube ich allerdings, daß Frl. Löffler, die etwas recht Robustes hat, besser zu Lisbet Braus paßt. Außerdem hat sie natürlich auch durch die Schule eine größere Erfahrung als ich mit den wenigen Schülern. Aber die Ziele des Unterricht, wie sie mir nach der Ausstellung schienen, hatten mir nicht sehr imponiert. Es war viel Unverstandenes, nur auf den Eindruck gearbeitet.
Zwei Tage der Woche zeichne ich jetzt [über der Zeile] vormittags mit einigen Kunstbeflissenen zusammen nach dem Modell. Es ist die Tochter des Mathematikers Königsberger dabei, die ich sehr gern mag u. mit der ich dadurch etwas bekannt zu werden hoffe.
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abends. Da wurde ich schon unterbrochen: Luise Seitz kam; Sie wissen, ich habe die beiden Schwestern wirklich lieb; sie sind die Einzigen, die hier von Ihnen wissen. Die armen Mädchen werden von einem herzkranken Vater entsetzlich gequält.
Sie war noch nicht lange da, kam Frau Geh.Rat Leber, Frau des Augenarztes, u. blieb bis um 7 Uhr, sodaß ich dann gleich zum Abendbrot in die Bunsenstr. mußte. Ich habe mich nun aber gleich wieder gedrückt, um diese Zeilen fertig zu schreiben u. bei Zeiten schlafen zu gehen. Das ist immer mein bestes Heilmittel.
Mit Aenne bin ich eben in sehr gutem Einvernehmen. Sie ist sehr lieb u. wir werden beide nur selten rückfällig. Gestern haben wir im nassen Schnee einen längeren Spaziergang gemacht u. uns dabei sehr gut unterhalten.
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| Sie ist viel rücksichtsvoller u. ich geduldiger, so geht es recht gut.
Ich habe eine schreckliche Last von Briefschulden, bin aber eben zu energielos u. stumpfsinnig, um sie zu erledigen. Auch Sie bekommen darum heute nur diesen Zeitungsbericht, denn Gedanken "hats" bei mir nicht. Ich stelle mir gern vor, daß es Ihnen in regem, inhaltsreichem Dasein gut geht u. daß Sie zufrieden sind. Das macht mich still glücklich. Und dagegen sind alle andren Dinge, auch die Unannehmlichkeiten äußerlich.
Was mir aber Sorge macht, das ist, daß Tanting inzwischen schon wieder krank war u. ziemlich hohes Fieber hatte. Zum Glück war es wieder vorüber, als sie schrieb. Aber diese vielen Fieberanfälle scheinen mir doch nicht unbedenklich.
– Daß die Dame mit dem Fröbelreferat
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| so guten Eindruck machte, freut mich extra. Sie hatten übrigens gerade davon nichts erwartet. Umso mehr bin ich froh, daß Sie endlich auch mal Erfolg von Ihrer Mühe dort haben.
Ob Sie die Rel. Phil. publicieren wollen überlegen Sie ja recht vom Standpunkt der Vernunft u. nicht von dem des "gemeinen" Nutzens. Lieber wollen wir doch vom Reservefonds nehmen u. Ihre Kräfte für die laufende Arbeit frei halten. Diese Möglichkeit bleibt ja immer noch als Hülfsmittel, wenn es durchaus notwendig wird.
Ruhen Sie auch genügend aus, um frisch zu bleiben? Wenn Sie so häufig abends aus sind, wird es doch immer sehr spät. Können Sie wenigstens dann ausschlafen? Sie wissen, alles für Ihre Gesundheit tun Sie ganz extra für mich, zu meiner Beruhigung. Und da müssen Sie schon auch mal ein
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| Opfer bringen!
Die Rezension u. das Übrige darf ich wohl noch ein wenig behalten? Ich möchte das über die "Griechenauffassung" nochmals lesen. Ich bin daraus nicht ganz klug geworden.
Das Buch über Leonardo da Vinci habe ich mir von Aenne geliehen. Dieser universale Geist, der doch nie ein Genügen fand, den nur Probleme bewegen konnten u. dem Vollenden versagt war, ist von einer geradezu unheimlichen tragischen Größe. Nirgends ein Haften, nirgend Erfüllung u. doch eine unüberwindliche Kraft. Es ist, als hätte er keine Zeit für den Schmerz, für alles Persönliche, weil sein Geist unaufhörlich forschen u. schaffen muß, wie ein Stück Allleben das zufällig in einem Individuum zum Bewußtsein u. zum Ausdruck kommt. – Und sind nicht alle, die
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| eine Aufgabe im Leben haben, ähnlich? Da glüht ein heiliges Feuer aus einer höhern Welt in einsamen Seelen, die bestimmt sind Bahnbrecher – Führer zu sein. Frei zu sein für diese innere Notwendigkeit das ist der Kampf in dieser Welt der Unvollkommenheit u. Hemmungen.
– Haben Sie schon das Januarheft der Rundschau mit den Humboldtbriefen gesehen, ob es Ihre Voraussetzungen bestätigt? Wir bekommen es in den nächsten Tagen; aber ich weiß nicht, worauf es ankommt?
Leben Sie wohl für heute, lieber Freund. Sorgen Sie, daß Sie gesund bleiben u. halten Sie Maß in Ihrem Tun u. Treiben, damit die Kräfte vorhalten. Grüßen Sie Ihren Vater. Auch Aenne läßt Sie herzlich grüßen.
In Treue u. Liebe
Deine
Schwester.