Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, Januar 1911


Noch ist mein lieber Freund hier, u. in ein paar Stunden werde ich ihn wiedersehen. Ach, mit unheimlicher Schnelle sind diese wenigen Tage verflogen u. doch ist das, was wir uns zu sagen haben unendlich! Mir ist der freie, klare Ausdruck nicht gegeben u. keine begriffliche Schärfe gestaltet den mystischen Nebel meines Empfindens. Aber ich bin glücklich, wenn ich dem klaren Gedankengang Ihrer Ausführungen folgen kann u. wenn ich in dem selben Spiegel Ihres kritischen Erkennens in lichter Gedankenentwicklung das erkenne, was auch ich als warmen, unmittelbaren Lebensgrund, als Wahrheit empfinde. Jeder hat diese Erkenntnis selbst erringen müssen u. doch, geht es Ihnen wohl auch so, daß wir trotz allem mein u. dein nicht mehr trennen können? Und wenn in diesem Tiefsten was dem Menschen gegeben ist, solch innige Gemeinsamkeit sprechen kann, sollte es nicht auch in den realen Lebensbeziehungen möglich sein, gemeinsam zu tragen u. zu überwinden? Es muß einen Weg geben, Sie innerlich frei zu machen, den quälenden Zwang einer Pflicht zu lösen u. in freie Selbsttätigkeit zu wandeln. O, könnte ich Sie dazu erlösen, mein Geliebter. Sie ahnen wohl nicht, mit welch Lasten der Gewalt sich all das Leid auf meine Seele legte, das aus Ihren lieben Zügen spricht. Wohl habe ich all das immer durchgefühlt u. mitgefühlt u. Sie wissen, wie mich die Sorge darum schon immer in Ilmenau quälte. Aber man tröstet sich so gern, daß die Sorgen zu schwarz sein möchten. Die Welt ist sinnlos, wenn das was in mir ist an heiligem Willen, wenn das "Lebendige" in mir, das einzig Dir gehört, nichts für Dich sein u. Dir nicht helfen kann. Das will u. kann ich nicht glauben. So sollen diese Tage in uns fortwirken als belebende Kraft, u. aus dem Glück der Gemeinsamkeit wachse der Segen zum schweren Kampf. Dieses Leben in einer freien Geistigkeit, die keine harte Realität zu unterdrücken vermag, ist für mich "Jenseitigkeit". Und aus dem Leben selbst habe ich diesen Jenseitsglauben - alles, alles durch Dich u. in Dir.
Meine heißen Wünsche gehen mit Dir, mein Bruder. Laß sie Dich schützen u. trösten.
Immer in wandelloser Treue
Deine Schwester.