Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4./7. Februar 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Febr. 1911.
Mein lieber Bruder.
Nicht wahr, Sie sind es jetzt gewöhnt, daß ich immer wendend wieder schreibe? Seien Sie froh, daß es gerade auf einen so schönen, sonnigen Tag trifft, da ist es auch immer heller u. dazu Ihr lieber Brief, das muß die Stimmung ja heben! Es ist alles so schön u.freudig, was Sie zu berichten haben, nur die große Überanstrengung läßt mich nicht frei von Sorge sein. Es ist so schwer, daß Sie all die Erfolge so Ihrer Gesundheit abringen müssen. Sind Sie auch ganz gewiß bedacht, jede, auch die geringste unnötige Anstrengung zu vermeiden? Wie lange dauert das Semester noch? Hier wird ganz Anfang März geschlossen. Aber in der großen Stadt ist das wohl anders?
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An dem Hans Clemm habe ich jetzt wieder rechte Freude. Er ist so eifrig u. macht seine Sache wirklich nett. Ich lasse ihn einfache Ornamente direkt mit dem Pinsel zeichnen. Und am Ende jeder Stunde eine Gedächtnisübung, d.h. er muß einen Gegenstand genau betrachten u. sich einzuprägen suchen, um ihn dann auswendig wieder zu geben. - In der andern Stunde sind die zwei Kleineren eben erfreulicher. Es ist merkwürdig, wie schwer den beiden Großen die grade Linie wird.
Es ist ganz gewiß wahr, daß die unbeholfene Kinderzeichnung kein Bild von der wirklichen Vorstellung giebt, die das Kind hat, höchstens insofern es bestimmte Einzelheiten, von denen es weiß, anbringt. Kerschensteiners Untersuchungen haben ja gründlich gezeigt, daß in allen Altersstufen die Fähigkeit für den bildlichen Ausdruck vorhanden sein
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| kann, daß aber die visuelle Auffassung meist sehr unvollkommen ist u. sich spät entwickelt. So scheint es mir, kann man aus seinen Untersuchungen mit Recht folgern, daß unsre Anschauung von den Dingen zunächst eine verstandesmäßige ist, im Wissen von Merkmalen, nicht sinnlich, sondern abstrakt. - Die Schwierigkeit des Zeichnens liegt also nicht allein in der Übertragung der Anschauung in "die abstrakte Form der Zweidimensionalität" - sondern in der abstrakten Form der Anschauung, die nicht das sinnliche Bild, sondern einen Begriff davon auffaßt. - Aufgabe des Schulzeichnens ist nun, meiner Ansicht nach, nicht ein rein äußerliches Nachahmen schöner Formen (wie früher) noch im Herauslocken künstlerischer Gestaltungskraft (wie jetzt die Schwärmer wollen) sondern ein planmäßiges Üben des technischen Ausdrucks, um
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| damit eine klare u. verständnisvolle Beobachtung der Natur oder Wirklichkeit wiedergeben zu können. Durch den bildlichen Ausdruck soll zum Erfassen einer einheitlichen, das Wesentliche begreifenden Vorstellung erzogen werden.

7. Febr. Drei Tage sind vergangen, ohne daß ich zum Schreiben kam. Und doch wissen Sie, daß ich keine liebere Beschäftigung kenne. Es ist eine so große Müdigkeit in mir, daß die Kräfte immer gerade nur zu dem kleinen Tagewerk reichen. Dieser Zustand ist mir ja im Grunde nichts Neues, aber wenn ich einmal frei davon bin, meine ich, jetzt müßte es auch so bleiben u. jeder neue Tiefstand erscheint mir schlimmer als die früheren. Ich brachte ja aus den Ferien gerade keine Erholung mit, u. hier war es nicht angetan, das auszugleichen. Das Befinden ist
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| noch immer mäßig u. dann haben Sie auch sehr richtig geschlossen, daß der "Fall Braus" mir auch recht zugesetzt hat. Aenne deutete es mir schon brieflich an, ich nahm es da aber nicht gerade tragisch. Hier gab es dann noch einmal eine Auseinandersetzung mit Aenne, die wohl meinte, mir die Wichtigkeit der Sache noch unterstreichen zu müssen, u. allerlei Vorwürfe u. Ermahnungen daran zu knüpfen. Ich kann Ihnen das alles nicht so brieflich mitteilen, wir reden wohl noch mal davon.- Frau Prof. Braus habe ich leider immer verfehlt, sodaß ich mit ihr noch zu keinem abschließenden Urteil kam. - Jedenfalls war ich ja selbst mit dem Resultat des Unterrichts im letzten Vierteljahr nicht zufrieden.
Dies u. noch mancherlei hat meine Nerven recht geschädigt u. manchmal fühlte ich mich geradezu krank vor Schwäche. Wenn jetzt endlich wieder Sonne u.
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| Licht zurückkehren u. man mehr im Freien sein kann, wird das wohl bald besser werden. Ich bin mit Ihnen froh über jeden Tag, der hinter uns liegt u. der uns dem Frühling näher bringt. So wollen wir hoffen u. die Sorgen vergessen.
Weil ich sehr unruhig schlief, habe ich viel geträumt in letzter Zeit u. dabei auch mehrmals von Ihnen, was sonst höchst selten vorkommt. Bald war es der Wirklichkeit entnommen, nur bunt gemischt, bald phantastisch seltsam. Aber immer, wenn ich Sie sah oder Ihre Stimme hörte, wachte ich vor Freude auf u. die schöne Täuschung war fort.
Am nächsten Samstag wird hier Bruno Wille einen Vortrag halten: "Der Sinn des Lebens unter Bezug auf die faustische Weltanschauung". Wir haben vor, hinzugehen. - Der andre Wille ist eben bei den Humanisten an der Universität u. dem Hof in
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| Heidelberg u. schildert die liederliche Genialität dieser nicht gerade ersten Größen mit offenbarer Wonne.
Es ist so, daß man allmählich immer anspruchsvoller wird u. immer weniger wirklich annehmen u. nützen kann. Die Einzelheiten verlieren an Interesse u. einen neuen Ausblick bieten die Wenigsten.
Vor kurzem bekam ich von einer Bekannten aus - Paris ein deutsches Buch: Die Frauen um Goethe von Paul Kühn. Es mag an mir liegen, aber ich finde es nicht sympathisch. Der Verfasser scheint sich einer möglichst wohlwollenden Kritik zu befleißigen, trotzdem kann ich die Empfindung einer etwas klatschsüchtigen Vertiefung ins Menschliche, Allzumenschliche nicht loswerden. -
Montag u. Mittwoch zeichnen wir was sich gerade an Modellen findet. Es war bisher ein Kind u. ein junges Mädchen. - Frl. Königsberger
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| ist wirklich die "Tochter vom Helmholtz". Sie wird in 3 Wochen allein nach Spanien reisen, ist sehr resolut u. sprachgewandt. - Es wäre wohl noch viel zu schreiben, lieber Freund. Aber ich muß jetzt fort u. möchte diese Nachricht doch endlich mal abschicken.
Ich hoffe sehr, daß es Ihnen jetzt wieder ordentlich geht? Anfangs voriger Woche hatte ich rechte Sehnsucht nach einer Karte über das Befinden; Sie sehen also, daß Sie mir nichts verheimlichen könnten! - Ich freue mich, daß Sie an Tantings Puff Wohlgefallen haben. Schlafen Sie nur recht viel darauf, um die Kräfte zu erhalten. Schlafen ist ein gutes Heilmittel für die Nerven. - Von Paul Ruge hört man jetzt wieder Besseres nach einem erneuten Rückfall. Aber wer kann denn da Zuversicht haben? -
Spannen Sie die Anforderungen an sich selbst für die Vorlesungen nicht garzu hoch. Ich glaube sicher, daß Sie
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| Recht haben, wenn Sie das Publikum garnicht für reif dazu halten. Ich verstehe wohl, wie Sie um Ihrerselbst, um der Entwicklung der Sache willen vorwärts getrieben werden zu möglichster Vollendung. Aber es ist doch nötig, daß Sie hier bewußt hemmen u. einschränken, denn Sie stehen am Anfang u. müssen um jeden Preis lernen, maßzuhalten. Sie dürfen nicht immer bis an die Grenze der Möglichkeit alles einsetzen - das ist auch Hasardspiel!
Es ist so schön, was Sie an Aenne über die Resignation, über die Vertiefung in den gegebenen Grenzen sagen. Aber noch ist es Theorie u. die junge Leidenschaft geht immer wieder daran, die Grenzen zu dehnen u. zu sprengen. Aber in dem Erzwungenen ist viel Gefahr u. nur "was ernst u. langsam die Natur geknüpft" hat auch Kraft u. Bestand. - Sie
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| müssen ja doch werden u. sein, "nach dem Gesetz, wonach Sie angetreten" aber stellen Sie die Entwicklung nicht immer unter Hochdruck, weil die Selbstkritik fast Unmögliches fordert.
Ich grüße Sie viel tausendmal u. bin wie immer
Ihre
treue Schwester.

Herzl. Grüße an Ihren Vater.