Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Februar 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Februar 1911.
Mein lieber Bruder.
Es wird kein Brief heute, aber ich muß Ihnen einen Gruß schicken u. vielen innigen Dank für Ihren lieben Brief. Das ist warmes, sonniges Glück, was er mir brachte u. mehr, als alle Frühlingsschönheit. Denn der Frühling weckt Sehnsucht, aber Ihr Brief giebt Frieden. Nur einen kleinen Verdacht habe ich, daß Sie den Gesundheitsbericht immer ein wenig schönfärben. Ist er volle Wahrheit? Immerhin kann man daraus entnehmen, daß es auch noch besser damit bestellt sein dürfte, was allerdings bei dem Betrieb kaum möglich ist.
Unendlich viel hätte ich zu antworten auf alles u. mitzuteilen von hier. Es geht mir in der letzten Woche entschieden besser u. ich habe wieder eine größere Spannkraft in mir. - Aber die Tage sind - für meine Verhältnisse -
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| so voll besetzt, daß ich garnicht weiß, wie ich zum Schreiben kommen soll.
Doch zunächst mal die Mädchenaffäre. Ich halte es entschieden für besser, wenn der Wechsel sich schon zum März vollzieht, dann ist die Neue doch bereits vor dem Umzug ein bißchen orientiert. Hoffentlich ist die Wahl glücklich ausgefallen. Ich bin nicht dafür, mein lieber Freund, daß Sie aus Mitleid eine ungeeignete Kraft anstellen. Und Sie werden es ja wohl auch selbst nicht getan haben. Das verlorene Dienstbuch ist immer etwas, was Bedenken erregt, denn es hat meistens nicht ganz zufällige Ursachen. Aber es kann ja auch ausnahmsweise wirklich verloren sein. Sonst wäre ich mehr für die mit den langjährigen Diensten, wenn sie von Wesen annehmbar scheint. Die Alten sind garnicht ratsam, schon wegen der geringeren Leistungskräfte. Doch - das ist nun wohl schon entschieden.
Aus Cassel sind die Nachrichten gut. Tanting war schon mal wieder in einem Vortrag u. schreibt ganz zufrieden.
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| Statt dessen ist nun Aenne krank, auch Influenza, Husten, Katarrh u. große Schwäche. Aber heut geht es bereits wieder besser u. sie ist auf. - Ich hoffe, daß ich durch die Geschichte in Cassel jetzt immun bin, denn ausweichen kann man den Bazillen ja nicht u. es ist damit die ganze Stadt verpestet. Den Sturm dagegen finde ich schön. Er streicht so ungehemmt über die Länder, weit nach Nordosten hin u. trägt meine Gedanken mit fort; all die vielen treuen Grüße bringt er zu Ihnen.
Morgen ist erst Hausarbeit, Waschfrau u. degl., dann von 10 - 12 Zeichnen, von 12 - 2 Kochen u. essen, um 2 kommt Herr Coss um spazieren zu gehen. Um 6 ist Colleg, um 1/2 8 Bunsenstr. Am Dienstag erst auf den Markt, um 10 Uhr Stunde (Luise Seitz), nach Tisch ruhen, um 1/2 4 Lesekranz bis abends. (Traumann, Goethe in Straßburg.)
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| Mittwoch ist wieder Zeichnen - u. so gehts Tag für Tag. Wenn ich robuster wäre, könnte ich schon dazwischen u. abends noch was tun, aber Sie wissen ja, daß ich nicht viel leisten kann.
Gestern war morgens Mannheim, nachmittags ein Besuch u. Spaziergang. Freitag vormittag war ich für Großmutter Knaps beschäftigt, nach Tisch Stunde, dann kam Herr Coss u. dazu noch Fanny Virchow, die nicht wieder ging, sodaß wir nicht fortkamen. Darum wollen wir morgen den Spaziergang nachholen. Heute war Coss bei Troeltsch zu Mittag. Ereignis!
Doch ich bin müde. Schlafen Sie wohl, mein lieber, einziger Freund. Am Mittwoch denke ich, schreiben zu können. Der "Fall Braus", die "Anschauung über die Anschauung"- es ist noch viel zu sagen. Für heut nur noch das, was ich nicht zu sagen brauche - was Sie wissen, felsenfest u. AEI.
Treu
Ihre Schwester, die wirklich Sehnsucht gehabt hatte, einmal wieder Ihr "Kindchen" zu sein!

[li. Rand] Grüßen Sie Ihren Vater herzlich.