Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3./4. März 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. März 1911.
Mein geliebter Bruder.
Diesmal traf mich Ihre Nachricht ganz unvorbereitet. Ich dachte nur an den schönen, befriedigenden Semesterabschluß, u. war im Gedenken glücklich, während Sie so Schweres durchlebten. Ich verstehe ganz, wie Sie sich verzweifelt auflehnen gegen diese hoffnungslos unvernünftige Wirtschaft. Aber ich fühle mit Ihnen, wie solche Scenen nicht den mindesten Fortschritt bringen. Nur die planmäßige beständige Kontrole u. das Abnehmen jeder freien Verfügung kann da Wandel schaffen. Bitte, rechnen Sie mit dem Mädchen, wenigstens geben Sie den Lohn extra, bezahlen Sie die Gas- u. Wäscherechnungen u. lassen Sie Wirtschaftsgeld (vielleicht wöchentlich?) als bestimmte Summe abrechnen u. den Privatverbrauch Ihres Vaters ganz für sich berechnen. Aber, bitte, nie ein Conto bei den Geschäften, das giebt für das Mädchen Gelegenheit zum Verschleiern, wenn sie nicht zuverlässig ist.
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| Sie haben doch keine Ruhe, wenn Sie nicht klar sehen u. da ist es besser, hie u. da eine Stunde der Sache zu opfern. Könnte ich doch kommen u. Ihnen helfen. Verlieren Sie den Mut nicht, mein Einziger, Liebster - ich weiß ganz gewiß, daß Sie bestimmt sind, zu siegen. Es ist so furchtbar schwer, diese Gefangenschaft in Frohnarbeit, dieses Kämpfen mit ungreifbaren Schwierigkeiten - aber vergeblich ist es nicht. Eine Basis haben Sie aus eigner Kraft geschaffen. Und wo sie unvernünftig überlastet wird, da können wir ja noch stützen. Natürlich darf dies nicht die Regel sein, Aber u. Sie haben Recht, auf strenge Innehaltung des Budgets zu dringen; aber wir wollen nicht verzweifeln, wenn unvermutet Hindernisse zu bewältigen bleiben. Brauchen Sie vor meinem Kommen etwas, so kann ich schicken - etwa 300 M? Schreiben Sie, lieber Bruder, ich muß es nur von der Sparkasse holen. Ist es
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| nicht uns gemeinsam? Und ist es nicht mein tiefes Glück, daß es so ist? Wir wissen es doch, welch grenzenloses Vertrauen darin liegt, wenn man bedingungslos annehmen kann - wie wir es tun, beide von einander.
Ich kann mir garnicht denken, wofür das viele Geld nur ohne Ihr Wissen ausgegeben wurde? Hätten Sie doch die Summe für den Zahnarzt wenigstens genommen! Sie müssen unbedingt die Verfügung über alles bekommen. Ist es nun Unfähigkeit oder Leichtsinn, jedenfalls ist es doch nicht möglich, Ihren Vater so weiter schalten zu lassen. Sie können auch für ihn nicht einstehen, wenn sie fortgesetzt ins Unbestimmte ausliefern. Rechnen Sie sich diese einfache Notwehr nicht zur Schuld, mein Freund, aber ordnen Sie es nicht mit Aussprachen, sondern mit Verfügungen. Sagen Sie, so ruhig Sie es können,: so wird es jetzt gehalten u. damit gut.
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Ich wäre sehr entsetzt, wenn Sie den Ferienvortrag wieder angenommen hätten. Es ist zu viel u. Sie haben ja die beste Ausrede mit dem Umzug. Ich kann ja auch noch nicht da sein, also wäre mirs noch extra schmerzlich. Ach, ich möchte Sie so gern aus all dem Treiben u. der Last für eine Weile herausreißen können, daß Sie Erholung fänden, statt immer neuer Aufgaben u. Anforderungen. Ich kann Sie nicht schützen mit all meinem heißen Willen. Ich kann nur vertrauen, daß Ihre sieghafte Kraft sich durchringen wird, - u. daß es doch eine Hülfe ist, wenn ich mitkämpfe u. mit leide. Ich will das liebe Herz hüten, daß es Ruhe finde u. Kraft u. Hoffnung. Ich bin bei Ihnen mit all meinen liebenden Gedanken u. will das schwere Leben tragen helfen. Ist es nicht trotz allem wie ein Wunder, daß wir uns haben?
Ich bin ja immer mit ganzer Seele
Deine Schwester.

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4. März früh.
Ich mache den Brief noch einmal auf, denn ich hätte noch so viel zu sagen, u. er ist so schrecklich ungenügend. Was möchte ich nicht tun, um meinem lieben Freund zu helfen. Lassen Sie all die harten Dinge nicht hinein, auch keine harten Gedanken mein Bruder. Es ist da wohl keine Schuld - kein bewußtes Verschulden. Aber denken Sie an das, was im praktischen Leben die Anstöße forträumt, denken Sie nur an das, was Sie tun können. Alles andre ist ja zwecklos. Aber eine immer genauer, immer mehr in Einzelne gehende Ordnung durch Ihre Bestimmung muß geschaffen werden. Wir wollen es zusammen tun, wenn ich komme. Ich komme ja bald u. meine Ungeduld sehnt den Tag herbei. Muß es aber sein, daß ich früher komme,
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| so schreiben Sie es mir. Sie wissen, das ist immer das Wichtigste. - Die Tatsache, daß Ihr Vater nicht auskommt überrascht mich nicht. Sie dürfen von ihm keine Einsicht erwarten. Es geht wohl über seine Kraft. Es muß ihm nur die Möglichkeit genommen werden, mehr zu verbrauchen, als er bekommt. -
Ach, ich bin so unruhig. Wie mag es bei Ihnen, in Ihnen aussehen? Keine Vorwürfe u. Selbstquälereien, liebster Freund - den Weg wollen wir suchen, der aus diesem Wirrsal hinaus führt. Und ists nicht bei allem noch gut, daß wir noch Hilfsquellen in Reserve haben? Was ist der Stolz vor der Liebe? Es wäre erbärmlich, kleinlich - nein, wir wollen uns der gemeinsamen Kraft getrösten u. freudigen Glauben behalten. Deine Käthe.