Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. März 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. März 1911.
Mein lieber Bruder.
Seit gestern warte ich mich Ungeduld auf eine Karte. Ich wüßte so gern, ob Sie jetzt wieder ein wenig zuversichtlicher sind, ob Sie schöne Eindrücke vom Schluß der Collegs hatten, wie der Abend mit dem Paulsenvortrag war, ob Sie auch gesund sind? Ich konnte heut nacht nicht recht schlafen, u. im Dunkeln sind die Sorgen immer noch größer. Was mich quält, ist nicht dies Vorkommnis, das so oder so immer wieder zu erwarten sein wird, solange Ihr Vater über größere Summen disponieren kann. Es ist für mich das, was Sie dabei durchmachen, wenn Sie sich in verzweifelter Notwehr gegen die drückende Lage auflehnen u. doch keinen sicheren Ausweg aus dem Conflikt finden können.
Ich weiß nichts anderes zu raten, als genaue Controle in kurzen Abständen,
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| am besten wöchentliche Abrechnung, u. alle größeren festen Posten direkt zu bezahlen. Es ist eine Mühe mehr, mein lieber Bruder, aber Sie erkaufen sich Sicherheit u. Ruhe damit. Wenn Sie diese Änderung jetzt nicht durchsetzen können oder wollen - nur keine Aufregung, es schädigt so die Nerven, wie es keine Arbeit tut - so helfe ich Ihnen. Es wird schon gehen. Es hat keinen Zweck, daß Sie es nochmals zu einer Scene kommen lassen, wenn doch damit garnichts erreicht wird. Ihr Vater weiß, daß er schließlich doch alles durchsetzen kann, wenn er an Ihr Gefühl appelliert. Wenn nicht der Zorn u. die Verzweiflung Sie übermannen, dann geben Sie eben doch immer wieder nach. Aber die kindliche Pietät muß hier Ihre Grenzen haben um Ihrer beider Existenz willen. Wenn Sie es doch in Ruhe, ohne weitere Vorreden einfach einrichten könnten, anstatt immer die Summen blind
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|lings auszuliefern. Sie müssen solche Möglichkeiten wie diese nicht mehr entstehen lassen. Ein Deficit muß am Ende jeder Woche festzustellen sein u. womöglich in der nächsten eingespart werden. - Wie mag sich das neue Mädchen anlassen? Anfangs geht es stets glatt, aber Sie werden doch wohl einen Eindruck haben.
Mein lieber, lieber Bruder. Es ist ein harter, gefährlicher Weg, den Sie gehen. Aber zum Verzweifeln ist er nicht. Es ist ja all u. jede Bedingung da, Sie ja einem raschen Erfolge zu führen. Wie glänzend sind all die Recensionen, wie rückhaltlos die Anerkennung von allen Seiten. Die Opfer, die bis zum Ziele noch gebracht werden müssen, werden aufgebracht, auf jeden Fall. Nur Sie, mein Einziger, müssen sorgen, daß Sie das verworrene Schicksal, soweit es mit dem armseligen Geld zu ebnen ist, nicht als quälende Last
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| auf der Seele tragen; Das soll u. muß äußerlich bleiben u. Ihre Freiheit, Ihre geistige Entfaltung, Ihre Leistungskraft dürfen nicht leiden unter diesem unverschuldeten Conflikt. Lassen Sie mich dazwischen stehn mit allem, was ich bin u. habe, daß es ferner rücke u. Sie nicht verwunden kann. -
Was haben wir doch schon zusammen getragen! Wie besonders tief sind meine Gedanken in diesen Tagen bei Ihnen. Immer wieder führt das Jahr auch dies schmerzliche Erinnern herauf, aber es geleitet uns mit stillem Segen. Hat doch die treue, verehrte Frau die Sorge für ihr Liebstes in meine Hände gelegt, u. Ihrem Andenken leben Sie, wenn Sie mich ein wenig helfen lassen. Könnte es nur mehr sein!
Ich würde Ihnen so gern ein bißchen Freude machen. Die Recensionen muß ich nun doch endlich einmal wieder schicken, da mache ich gleich
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| ein kleines Paket daraus. Allerlei Kleinigkeiten zur Ansicht liegen bei; 2 Abzüge, wovon der eine schlecht ist, können Sie vielleicht brauchen. Den Kuchen hatte mir Tanting gebacken, den müssen Sie versuchen. Den würde ich für jemand anders nicht hergeben! Von dem kleinen Schinken lassen Sie sich vielleicht ein paarmal Frühstück zurechtmachen - zum Andenken an den Sommer. Schloßbiskuits hätte ich mitgebracht, nun schicke ich sie im Voraus, um mein Gepäck zu entlasten. Sie sind von Aenne u. mir. - Die "Zappen" sollen Sie gelegentlich unterwegs stärken, wie auf dem Wege nach Bernau. Es ist nichts, garnichts recht Nettes dabei, - Sie müssen sich halt am guten Willen freuen.

8. März. Heut wieder keine Nachricht! Ist das nun ein gutes Zeichen oder nicht? Ich weiß nicht, wofür ich es halten soll u. wünschte so, Sie schrieben mir ein paar
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| Zeilen. Ich hätte auch gern erfahren, ob es erwünscht ist, daß ich noch etwas Andres mitschicke. Es wäre eine so gute Gelegenheit gewesen. Aber nun soll das Paket doch endlich mal fort. Denken Sie nicht, daß der Kuchen alt sei, Sandtorte kann das gut vertragen - ob Sie sie mögen?
Wenn Sie daran denken, ein Geschäft für den Umzug zu engagieren, nehmen Sie ja irgendeine altbekannte, gute Firma. Man bezahlt nicht mehr u. bekommt weniger ruiniert. Lassen Sie die Leute packen, dann haben sie auch die Verantwortung. Und wenn Sie irgend etwas gern aus dem Trubel herausretten möchten, Tante Grete bewahrt es Ihnen sicher gern einige Tage. - Ich hätte wohl gern noch manches zu schreiben, was mir für Sie durch den Kopf geht, aber es fällt mir im Moment nicht ein u. - Sie finden es auch gewiß so selbstverständlich, daß man es nicht zu schreiben brauchte.
Tante Thes war nicht wohl, hatte eine Art Gesichtsrose. Jetzt ist es aber wieder vorbei. - Wenn nur Sie gesund sind? Haben Sie Karte u. Brief bekommen? Leben Sie mit froher Sicherheit in der unsicht<li. Rand>baren Welt, die Ihr Geist geschaffen u. in weiten Kreisen schöner Wirksamkeit <li. Rand S. 5> um sich ausgebreitet hat. Die erbärmliche Realität wird schon bezwungen. <Fuß S. 5> Wozu hätte das Schicksal denn mein Leben für Sie eingesetzt, wenn es Sie nicht durch diese Jahre des Kampfes sichern u. schützen <Kopf S. 5> wollte für künftige Freiheit u. Vollendung? Immer in Treue Deine Schwester