Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. März 1911 (Heidelberg)


H. 27.III.1911.
spät abends.
Lieber, einziger Bruder.
Nicht unglücklich sein! Wie kann man denn eine kleine halb scherzende, halb törichte Entrüstung so schwer nehmen? Ich bin doch nur dazu gekommen, weil ich so sehr froh war, das frühere Kommen einrichten zu können u. weil es meiner Ungeduld gar nicht schnell genug gehen konnte. Hätten Sie mir geschrieben: Das ist vernünftig - es wäre mir ja ganz genügend gewesen. Aber auf ein einziges Wort des Beifalls hatte ich nun einmal fest gerechnet. Aber wir wollen uns doch ganz
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| gewiß nicht mit Kleinlichkeiten quälen u. daraus gar tragische Sachen, wie ein "Mißtrauensvotum" machen. Können Sie sich das denn überhaupt von mir gegen Sie denken?! Ich nicht. - Ach, seien Sie wieder gut u. nehmen Sie das süddeutsch kräftige Wort "Entsetzen", das ich so viel gebrauchen höre, daß es mir garnichts Entsetzliches mehr hat, nicht für so gewichtig. -
Lieber Freund, wir wollen das doch in alle Zukunft festhalten, daß es Mißhelligkeit zwischen uns nicht geben kann. Gerade weil ich das so empfand, schrieb ich unbefangen u. ehrlich, daß ich vergeblich auf den gewünschten Effekt meiner Nachricht gewartet
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| hätte u. daß ich fast enttäuscht gewesen sei.
Lieber, lieber Freund - haben Sie denn garkein Ohr dafür gehabt, daß es doch eigentlich nur ein wenig Übermut u. Torheit war? Ich bin so ungeduldig u. doch so froh - u. nun macht mich Ihr Brief ganz traurig. Denn es dauert mir zu lange, bis diese Zeilen Sie erreichen u. ich gewiß sein darf, daß Ihre Verstimmung verflogen ist. Wenn Sie nur ein Wort auf eine Karte schreiben - mich wieder zu beruhigen. Nichts weiter, als daß Sie es jetzt verstehen, wie ich es
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| meinte - wenn Sie mich auch vielleicht mißbilligen. Wenn ich doch beim Umzug helfen könnte! Überhaupt sorgen Sie mir, mein Bruder, daß ich richtig helfen kann, wenn ich komme; daß ich Ihnen nicht so viel Zeit koste, sondern nützlich sein kann. - Und nun bitte schreiben Sie, ob wir was von der Sparkasse holen wollen. Ich muß es in diesen Tagen wissen, sonst kann ich es nicht mehr holen.
Dies werden die letzten Zeilen in die Kantstr. sein. Möchten Sie doch merken, was sie Ihnen sagen wollen. Ja - wenn ich es erst sagen könnte! Ich habe jetzt ein doppelt brennendes Verlangen danach. Die Stunde erfahren Sie noch von Cassel aus. Keinesfalls um 5 Uhr
<Kopf>
Treu wie immer Ihre Schwester.

[Fuß] Heidelberg. 25.III.1911.