Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. April 1911 (Rostock)


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Rostock. 18. April 1911.
Mein lieber Freund.
Verzeihen Sie, wenn ich Sie schon wieder behellige! Ich werde mich ja auch wieder zurechtfinden, aber noch sind all meine Gedanken bei Ihnen u. ich sehne mich zurück. Ich mache mir Sorgen, daß Sie sich mit der dummen Kofferschlepperei weh getan haben. Das richte ich ganz bestimmt nie wieder so ein, ich wußte mir nur wegen des Feiertags nicht zu helfen. Ein andermal fahren wir eben Droschke. Was liegt an ein paar Mark, wenn Sie sonst womöglich Nervenschmerzen davon bekommen. Es wäre mir zu leid. – Wie mag es bei Runges gewesen sein? Und nun heute morgen bei dem "Schöpps"? Ich kann mich garnicht gewöhnen, daß ich nun nicht mehr kommen kann u. fragen; – Scheint bei Ihnen auch die Sonne so freundlich ins Fenster? Ich bin hier sehr lieb u. herzlich empfangen. Mein Patchen ist sehr zärtlich u. auch die andren Kinder sind freundlich u. zutraulich.
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| Sie haben sich alle gut entwickelt, u. sind im ganzen jetzt viel besser gezogen, als früher. Am wenigsten günstig präsentiert sich immer die Älteste, die leicht launisch u. verstimmt ist. —
Ich denke auch viel daran, ob Fräulein Scholz Ihnen antworten wird, u. wie sie Ihren Brief aufgenommen haben wird? Ich möchte diesem temperamentvollen jungen Menschenkind nicht unrecht tun, u. doch kann ich zu ihrem Verhalten garkeinen Standpunkt gewinnen. Wie verworren sind doch die Menschheitsschicksale! —
Natürlich habe ich hier keine Zeit für mich u. wenn ich für ¼ Stunde allein bin, bin ich müde. Drum haben Sie Nachsicht mit diesen flüchtigen Zeilen, die Ihnen nur ein Zeichen steten Gedenkens sein können. Ob der Haushalt normal läuft? Ob die Kocherei sich bessert?
Wenn Sie doch nun ein wenig ungestörte Arbeitszeit hätten. Ich beunruhige mich bei dem Gedanken, daß Sie durch mich so viel
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| verloren haben, da ich nicht den Eindruck hatte, daß es Sie gesundheitlich gefördert hat. Und jetzt sind Sie gewiß gerade so kaputt wie ich. Schreiben Sie mir bitte, ein paar Zeilen nach Stettin, aber nicht per Karte, lieber im Cuvert. Ich freue mich auf Montag abend, – ob Sie wohl kommen können, mich abzuholen? 9 Uhr 9. 2 Tage sind schon bald vorüber, nun sind es noch 5½ – es wird ja ein Ende nehmen. Ich bin sehr langweilig u. schläfrig, will mich nach Möglichkeit ausruhen, um wieder frisch zu sein, bis ich zu Ihnen komme. Wir müssen dann noch einmal ernst beraten, was zu tun ist. Denn das fühle ich schon, mit dieser Unruhe im Herzen kann ich nicht abreisen. Ich muß einen erträglicheren Eindruck von Ihrem Dasein gewinnen können, es muß sich irgendwie ein Ausweg, eine Aussicht finden, von innen oder von außen. So wie jetzt die Dinge lagen, war der Druck zu groß.
Ich mache hier jetzt eingehende Studien über die Relativität der Zeit. Es freut mich, meinen Vetter u. seine Familie
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| so in frohem Behagen zu sehen, zufrieden, tüchtig u. froh. Er ist ein vorzüglicher Mensch, der es ernst mit dem Leben meint, u. der sich einen reichen Lebenskreis geschaffen hat. Wir haben uns immer gut verstanden, aber nun haben wir uns eigentlich schon wieder ausgesprochen u. es kommt mir alles so fern vor, wie eine fremde Welt.
abends. Wir waren heut in Warnemünde am Meere. Es war ein stiller schöner Sonnentag, aber – was ist alle Schönheit der Natur, wenn in uns nichts mitklingen kann. Es macht mich nur grenzenlos traurig. Was bin ich in dieser uferlosen Unendlichkeit, – in dieser Flut, von Licht u. Glanz durchtränkt, wird erbarmungslos alles zerrieben, vernichtet. Rein u. kühl u. fühllos – ist es ein Bild des Schicksals. Giebt es eine Fügung – giebt es eine Kraft, die stärker ist als diese grausame Notwendigkeit? Ich müßte verzweifeln, wenn ich nicht heimlich doch daran glaubte, [über der Zeile] es ist in mir ein Wille zur Überwindung, den nichts erschüttern kann. Es ist da etwas, was unbesieglich ist, ein Lebensglaube für Dich, mein Bruder.
AEI in Treue u. Liebe Deine Schwester.