Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. April 1911 (Bahn nach Rostock)


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<dieser Brief ist sehr undeutlich>
In der Bahn nach Rostock,
18. April 1911
Werden Sie es lesen können, mein lieber, einziger Freund? Ich kann mich in Kügelgens Gedichte jetzt nicht vertiefen, das Herz ist mir zu voll von eigenen Gedanken. Was haben uns diese Tage gegeben – waren sie von Segen für Sie, mein liebster Bruder? Ich weiß es nicht, ich fühle jetzt nur den Schmerz der Trennung u. doch ist in mir ein so heißer Wille zu Frieden, Stille u. Kraft. Wir müssen diesen Kern herausheben können auch aus diesen hastigen Tagen – wo sollte ich sonst die Rechtfertigung hernehmen für mein Kommen, für all die Ansprüche die meine Gegenwart an Ihre Zeit u. an Ihr Leben stellte? Helfen Sie, mein Einziger, daß der Druck der Machtlosigkeit nicht in mir überhand nehme, daß ich wieder fühlen darf, daß mein tiefes rückhaltloses Mitleben Ihnen Stütze u. Trost, daß unser Einssein Ihnen Befreiung sein kann. – Wenn ich bei Ihnen bin, so habe ich wohl daß Gefühl, daß es keiner Worte bedarf zur Verständigung, – wenn ich fort bin, weiß ich Unendliches, was ich hätte sagen wollen u. sollen. Und doch finde ich die Worte nur in stillen
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| Stunden, u. wo sollten die sich in Berlin einstellen? – Dann scheint es mir, als wäre uns die Zeit wie der Sturm in Bernau vorübergebraust, eine Fessel für jede freie Regung oder fröhlichen Lebensgenuß.Gewiß, das Genießen ist nicht der Zweck des Lebens, aber den Stolz der Selbstbehauptung, den wollen wir bewahren Sie für sich u. ich in Ihnen. Denn Sie wissen, was liegt an mir. Aber Ihnen muß das Leben gelingen, u. wie Sie mit stolzer Freude vom Katheder aus die Gedanken der Hörer in Ihren Bann zwingen, wie Sie mit beherrschender Sicherheit über den Menschen stehen, so müssen wir auch die tägliche Misere überwinden u. einen Standpunkt finden, wo dieses Elend Ihre junge, heilige Lebenskraft nicht mehr vergiften kann. – Es tut mir weh, mein geliebtes Sorgenkind, daß Sie die kleine Äußerlichkeit, die Ihnen vielleicht einmal eine kleine formlose Freude hätte bereiten können, u. die Ihnen geben zu können mich glücklich gemacht hätte, so stolz ablehnen. Wenn ich mit mir ganz ehrlich bin, dann lieg liegt darin im tiefsten Grunde eben doch etwas, was ich sonst so gern schon lange
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| zwischen uns verschwunden glaube – eine Fremdheit u. <Wort unleserlich> wie sie in mir nicht möglich ist. Das hat mir jetzt das Reisen noch schwerer gemacht, als recht u. gut ist. Ich wills überwinden, u. Sie wissen u. fühlen wohl, daß es nichts giebt, was ich Ihnen zu lieb nicht überwinden würde. Denn ich will ja doch keine Last sein, mit Ansprüchen u. Gekränktheit u. törichter Dringlichkeit. Da zu sein, wenn sie mich brauchen u. leise auszugleichen, soweit meine Kräfte es vermögen – das ist mein seliges Glück. – Nie sollen Sie sich Gedanken machen, oder Ihre Stellung zu mir als Verpflichtung fühlen – es soll der Punkt des Lebens sein, wo Sie sich ganz frei fühlen können, erlöst zu voller Lebensentfaltung. Auch rein äußerlich ist das so, soweit ich die Mittel dazu besitze. Es ist ganz vollständig einerlei, ob u. wann Ihre – äußere Lage Ihnen einen solchen Überschuß an Mitteln gewährt, daß Sie mir davon etwas geben können. Ich bin niemand Rechenschaft schuldig u. wenn ich Ihnen mein ganzes
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| bißchen Vermögen vermachen würde! Ich wollte, ich könnte das jetzt gleich – denn das ist meine stete Sorge, daß Sie in stolzer Unabhängigkeit diesen Fakt Ihres Lebens, den das Schicksal Ihnen mit meiner sonst so überflüssigen Existenz gab, nicht voll, nicht <Wort unleserlich> u. darum nicht als das ausnützen, was er seiner Bestimmung nach sein sollte. —
Und im täglichen Zusammensein verlernen Sie alle tieferen Ansprüche, es ist kein Segen, Unmögliches zu fordern. Ich verstehe so ganz, was Sie suchen u. doch kann es zu nichts führen – u. in diesem Falle wird nur Verzicht zu einem ruhigen Zustand führen. – Ich freue mich jetzt schon auf die Rückfahrt u. sehne mich danach. Hoffen wir, daß die Tage ohne Zwischenfall verlaufen u. daß ich Sie bald, bald wieder begrüßen kann. Jetzt will ich all das Tiefe zwischen uns still im Herzen verschließen u. will mit den anderen auf der Oberfläche leben. Wenn ich kann schreibe ich bald mal wieder. Solch einen Wisch zu lesen, werden Sie schon die Zeit haben.
<li. Rand>
In immer gleicher Treue Deine Schwester.

[li. Rand S. 3] <unleserliches Wort> Graf <Wortteil unleserlich>straße, Stettin, <Wortteil unleserlich>str. 16. II. (20.)