Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. April 1911 (Stettin)


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Stettin. 20. April 1911.
Mein Bruder.
Wieder schreibe ich in Hast u. nur mit dem Stift u. Sie müssen Nachsicht haben. Könnte ich Sie doch sprechen! Es ist so dringend nötig. Ich habe Ihnen soviel zu sagen u. ich weiß, ich müßte Ihnen doch helfen. Seien Sie nicht mutlos u. traurig, mein Einziger, mein liebster Bruder. Es muß sich alles, alles wenden. Die gemeinsamen Tage in Berlin waren uns vom Himmel nicht durch Sonnenglanz verklärt, aber das alles kann ich vergessen, wenn ich Ihre liebe Hand in der meinen fühle. Was ist uns das Äußere! Nicht eine Anregung oder frohen Genuß habe ich bei Ihnen gesucht, sondern die tiefe, unerschütterliche Gemeinsamkeit des Lebens, die mir das Dasein verklärt.- Und war es keine geistige Höhe, auf die Sie mich am Abend des
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| Vortrags führten? Glauben Sie mir, ich bin keine blinde Kritik, - ich habe bewußt u. klar mit Stolz u. Glück empfunden, wie himmelweit Sie diesen Menschen überlegen sind. Sie brauchen ein Erlöschen des Feuers nicht zu befürchten - denn göttliches Leben ist ewig. Ihre Kraft besteht nicht nur in wissenschaftlicher Schärfe. Sie haben ein Höheres, was nicht verloren gehen kann. Und dies Bewußtsein muß Ihnen über die tägliche Misere forthelfen, das müssen Sie fühlen in seiner Wirkung auf mich. Ich bin so froh, wenn sich eine Verständigung im Hause anbahnt, sodaß Ihnen das Leben behaglicher sein kann, die äußeren Grundlagen werden geschaffen, darauf müssen Sie ohne Sorge trauen. Übernehmen Sie nichts Neues mehr, lehnen Sie die Ministeriumssache ab, ich kann Ihnen ganz gewiß aushelfen, wo
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| es not tut.
Sie wissen wohl, als was ich es empfinde, wenn Sie mich helfen lassen u. daß all mein "Zweifel" ja nur die Scheu ist, mich aufzudrängen. Ich vertraue darauf, daß es dazu niemals kommen möge. -
Hier fand ich Hermann leider recht angegriffen aussehend. Er ist aber vergnügt u. zufrieden. In Rostock war es sehr behaglich, u. es tat mir leid, daß die Tage so rasch vergingen. Nur die kommenden letzten wieder endlos vor mir, bis ich endlich wieder in der Bahn sitze! Wäre es nicht gut, wenn Sie am 24. von Tante Grete den [li. Rand] HausSchlüssel holten? (Übrigens hat Sie da gerade Geburtstag, also gehen Sie vielleicht lieber schon am 23. hin?) Wenn Sie wollen, es wäre wohl beruhigter. Sonst können wir wohl
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| auch klingeln, falls es nach 10 werden sollte.
Haben Sie den 2. Brief aus Rostock bekommen? Er hätte wohl erst heut ankommen können. Ich müßte jetzt schlafen gehen. Lassen Sie uns auf ein paar ruhige Stunden bei meiner Rückkehr hoffen, u. halten Sie fest an dem Glauben, der uns Anfang, Inhalt u. Ziel des gemeinsamen Lebens ist: dem Glauben an den großen Sinn u. Wert Ihres Daseins. Wohl fühlte ich mit Schmerz die große Erschöpfung Ihrer Kräfte, aber das war doch nach allen Anstrengungen u. Aufregungen nur natürlich. Jetzt wollen wir hoffen, daß ein wenig mehr Ruhe kommt u. daß wir irgendeine Veranstaltung treffen können, sie zu schaffen. Vielleicht schreibe ich nochmal eine Karte. Sonst auf Wiedersehen am Montag abend. Ich freue mich jeder Stunde, die mich diesem Wiedersehen näherbringt. Grüßen Sie Ihren <li. Rand> Vater. - Treu Deine Schwester.
[li. Rand S. 1] Wenn ich doch erst wieder bei Ihnen wäre!