Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. April 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 26.IV.
1911.
Mein lieber Freund.
Es ist mitten in der Nacht, aber ich kann nicht schlafen. Die Trennung liegt als ein dumpfer Druck über mir, u. mir ist ganz krank. Aber ich weiß, es wäre unrecht, wollte ich dem nachgeben. Wir wollen doch stark sein u. das Leben bezwingen. Wieviel ringe ich um jene "leidenschaftslose Ruhe", die nichts für sich will u. doch bricht das heiße Leben immer wieder durch - u. so verrinnt es Tropfen um Tropfen für Sie, mein geliebter Freund. Nicht ein unruhig flackernd Feuer will es sein, sondern eine stille, heilende Kraft; wie es Ihnen
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| rückhaltlos angehört, kann es nur in Ihnen zur Tat, zum Wirken werden. Und darum wissen Sie, wenn der Kampf Sie einmal entmutigt u. die Verzweiflung Macht gewinnen will - es darf nicht sein, denn es ist nicht nur Ihr eigen Leben, das in Ihrer Hand liegt. Muß denn wirklich jemand "unter die Räder" kommen, so laß es mich sein, denn vor Dir liegt die Welt mit solchen Aufgaben u. Zielen für ihren Auserwählten.
Der Segen des Himmels geleite Dich, u. laß meine grenzenlose Liebe Dir Trost u. Kraft sein,
Deine
Schwester.