Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. April 1911 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 28. April 1911.
Liebster Bruder.
Es ist nicht geheizt bei mir, also wird der Brief wohl kühl werden, u. ich bin müde u. habe Kopfweh, also wird er recht dumm werden - aber schreiben muß ich Ihnen doch, denn ich bin ja nun schon so lange fort! Sehr erfreut hat mich heute vormittag Ihr Briefchen mit der guten Nachricht. Ich danke Ihnen, daß Sie gleich schrieben.
Ich bin unaufhörlich Eisenbahn gefahren u. finde das Reisen schauderhaft. In Cassel war ich so marode u. hatte Halsschmerzen, sodaß ich sehr wenig umgänglich war. Zum Glück ist weiter nichts draus geworden, sodaß ich heut meine gewohnte Stunde geben konnte. So bin ich gleich wieder in Gang gekommen, u. das ist gut. Ich will recht fleißig sein u. die Zeit nützen, das ist die beste Erholung. Unsre inhaltlose Karte aus Cassel sagte Ihnen wenigstens, daß alles programmgemäß verlief, u. daß
[2]
| Kurt abends bei uns war. Tante fand ich sehr blaß u. schlecht aussehend. Die Wohnungsveränderung hat sie zum Glück aufgegeben. Die übrige Familie sah ich nur flüchtig, den Onkel garnicht. - Hier holte mich Aenne ab u. ich ging noch ein Weilchen mit zur Großmutter. In meinen vier Pfählen fand ich es wieder sehr nett u. es war alles mit Blumen geschmückt u. bestens für mich gesorgt. Und in dem blauschimmernden Zwillingsväschen auf meinem Schreibtisch stehen die lieben, blauen Blumen von Ihnen u. grüßen mich. Ich mußte natürlich viel erzählen u. Aenne ist sehr freundschaftlich u. teilnehmend. Vorwürfe habe ich fast garkeine bekommen - u. ich will mir Mühe geben, daß ich auch keine verdiene. Heute hatte sie allerdings meine ganze freie Zeit mit Beschlag belegt u. um ½ 7, als sie endlich gehen wollte, kamen noch die Schwestern Seitz, sodaß ich erst jetzt an den Schreibtisch komme.
Wie sind meine Gedanken bei Ihnen, u. ich möchte unsichtbar weiter um Sie sein können in stiller Sorge u. Teilnahme. Die Unzuverlässigkeit des
[3]
| Mädchens ist mir zu beunruhigend u. wir wollen alles versuchen, da Besserung zu schaffen. Ob sie wenigstens jetzt morgens pünktlich ist? Lassen Sie sich nicht ärgern von den Unzuträglichkeiten, verlangen Sie nur immer wieder das Nötige. Es nützt niemand, wenn Sie sich still ärgern, aber stets wiederholte Forderungen könnten doch Erfolg haben. Lassen Sie ja von Cölln den Vorhang aufmachen - ach, u. es ist noch so viel, wofür ich sorgen möchte. Ist es mit den Taschentüchern sehr eilig? Dann wollte ich auch noch sagen: falls es mit dem Rasieren Schwierigkeiten hat, kaufen Sie doch Ersatzmesser von Gilet - (oder Gilette?) Vielleicht sind die doch besser. -
Ich habe so lebhaft gewünscht, auch ins Colleg kommen zu können u. wenn ich nicht zum Vortrag gekommen wäre, hätte ich auch noch nicht fortgemußt. Aber es ist mir schon recht, wie es war, u. dieser Vortrag, den Sie wohl mit Recht "negativ" nennen, war uns eben doch ein tieferes Erlebnis. Er kommt mir
[4]
| vor wie die reife Höhe, der Abschluß einer Epoche, die nun überwunden ist. Es giebt eine Fügung, es giebt einen Sinn über dem unseren, u. wir glauben an die Macht des Guten. Mag die Macht persönlich oder "überpersönlich" sein, unser Leben hat nur Wert u. Halt im Anschluß an diesen höchsten Sinn der Welt. Ich bin nicht gut, wie armselig u. entgleist war mein Dasein, als wir uns fanden - aber das Schicksal hat mir eine Aufgabe gegeben, die mich über mich selbst erhebt. Es hat in Träumen u. Ahnungen zu mir geredet, es ist eine Gewißheit in mir, die nichts erschüttern kann. Drum reden Sie nie von einem "Opfer", geliebter Freund, selbst wenn ich daran zu Grunde ginge, es wäre mir höchste Lebenserfüllung. Wir beide, wir sind ja nichts, wo wir uns nicht ganz einsetzen.
In Treue
Deine Schwester.

Immer wieder lese ich Ihre lieben Abschiedsworte, u. mein Herz ist voll heißer Dankbarkeit.