Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4./5. Mai 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Mai 1911.
Lieber Freund.
Es ist wieder abends u. ich bin müde von der Unruhe des Tages. Dabei ists doch so wenig, was ich leiste. Das tun halt Sie für mich mit, nicht wahr? Und jetzt darf ich Sie für einige Minuten in meine stille Sphäre bannen u. Ihnen vorplaudern von dieser stillen Welt. Immer sind meine Gedanken bei Ihnen u. der gemeinsam verlebten Zeit. Wir wollen es festhalten zum Segen, was sie uns brachte. Woher uns die Erlösung endlich kam – ich weiß es nicht. Denn es war kein "Zweifelgeist" von mir, wenn ich mich vor dem übermächtigen Druck der Verhältnisse wehrlos, so traurig machtlos fühlte. Aber jetzt weiß ich, daß wir das Geschick einmal wieder bezwungen
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| haben, daß wir das Steuer wieder fest in der Hand haben u. Sturm u. Wogen branden lassen, soviel sie wollen. Aber fest halten wollen wir das nun auch. Es giebt keine Freiheit in verzweiflungsvoller Auflehnung, aber stärker als das Schicksal ist der Wille, der es trägt.
Schreiben Sie mir nicht, oder nur eine Karte wie es geht, wenn Sie so garkeine Zeit haben. Es ist mir leid um jede Minute, die Sie statt dessen Ruhe haben sollten. Ich warte geduldig – oder ungeduldig, je nachdem, aber Ihre Gesundheit ist die erste Rücksicht. Wenn das Mädchen dafür nur besser sorgte! Aber ich fand da so garkeine Sorglichkeit. – Die Frage nach dem eventuellen Wechsel ist natürlich nicht so einfach zu entscheiden. Ich denke, es wird auch von dem Eindruck abhängen, den Ihnen die andre machte. Es könnte doch vieles behaglicher sein bei einer
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| tüchtigeren Person. Und dann ängstigt mich auch die Sache mit dem Licht nachts.

5. Mai: Es war gestern unmöglich, weiter zu schreiben. Ich schlief einfach ein. Aber da es auch heut nicht anders ist, müssen Sie schon mit meiner Schläfrigkeit nachsichtig sein. Es geht mir im Grunde ganz gut, u. ich fühle mich ganz wohl, aber so von früh an ohne Pause tätig zu sein, ist nichts für meinen Hang zu beschaulicher Ruhe. Heut um 9 fing die Stunde von Frl. Seitz an, sie blieb bis ½ 12. Dazwischen kopierte ich die Photos aus Stettin, von denen eigentlich keine verunglückt ist. Aber die beiden Aufnahmen in Ihrem Zimmer sind nichts wert. Schade! Vielleicht kann ich die aus der Fensterecke noch retten durch abschwächen. Aber Sie hatten natürlich wieder Recht, daß der mächtige Lampenschirm sehr störend ist. Es sieht
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| aus, als wollten Sie daran riechen. Aber Sie machen solch nettes, furchtbar wichtiges Gesicht dazu, daß mich das Bild doch freut. Wenn ich Sie doch noch in Wirklichkeit so sehen könnte!
Wie leid ist mirs, daß Sie von den Vorlesungen anfangs dieser Woche nicht so befriedigt waren. Gerade den Plato hatte ich mir so gewünscht, hören zu können. Nun – die Hörer werden wohl weniger zu kritisieren haben, als der Herr Dozent. Ich bin sehr gespannt, wie es mit der Zahl der Zahlenden sein wird. Und das Ministerium ist doch auf den 3 Stunden geblieben. Ach bitte, machen Sie sichs doch auch wirklich so leicht als möglich. Für diesen Fall ist doch wahrhaftig keine Kraftprobe nötig, u. Ihr Hauptinteresse muß ja die Universität bleiben. Nun sind es also 14 Stunden die Woche. Wieviel giebt das Ministerium für 3 Stunden?
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| Wenn Sie können, schicken Sie mir doch noch mal einen genauen Stundenplan! Übrigens, wenn Sie Mittwochs 2 Schulstunden haben, hätten Sie doch wohl vorigen Mittwoch garnicht an die Bahn kommen können?
Es beschäftigt mich, ob Ihr Vater den Verkauf der Schmucksachen bewerkstelligt hat? Nehmen Sie ja das Geld, das er Ihnen anbietet. Denn es geht sonst doch nur unter Hand fort. Aber im übrigen – sorgen Sie nicht, mein lieber, liebster Bruder, es wird jetzt schon gehen. Und mit Grübeln ist da nichts gemacht. Sie werden jetzt ohnehin keine Zeit dazu haben, u. wenn Sie mal Zeit haben, dann denken Sie lieber an unsre Augustpläne. Ich glaube sicher, daß es Ihnen da oben gefallen wird u. gut tun muß es ohne Zweifel. So ein paar stille Ferienwochen in schöner Natur — da werden wir beide besser
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| besser gedeihen als in dem Hetzen u. Jagen der Großstadt.
Ach, wenn wir in diesem Treiben der Welt nur die Stille im tiefen Herzen bewahren können, dann hören wir aus all dem Chaos doch immer wieder den erlösenden Einklang heraus. Ja – die "leidenschaftlose Stille" Schleiermachers. Aber nur für Stunden der Besinnung, der Sammlung: Leben wollen wir mit ganzer, glühender Seele für eine Aufgabe, eine Bestimmung. Es ist männlich, daß diese Aufgabe eine unpersönliche sei u. nur in der Selbstbehauptung erreicht werden kann; — die Frau will sich für einen Menschen einsetzen.
Wie viel hat mir das Leben erst enthüllt in unsrer Gemeinsamkeit, in Ihnen, durch Sie – für Sie! Es ist, als ob alles nur geschehen wäre, um darin seine Erfüllung
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| zu finden. Ich vertraue dieser Führung, denn sie war zum Guten, u. wo die Offenbarung den Schleier zerreißt, sehen wir andächtig ahnungsvoll die große Harmonie des Alls! Erlösende Liebe – kann sie nicht alles überwinden?
– "Daß Liebe Götzendienst,
das ist ein Wahn –"
Kennen Sie die entzückenden Hafislieder, die Goethe zu seinem west-östlichen Diwan begeisterten? Welch eine Anmut u. Heiterkeit ist darin, welch eine feine, überlegene Lebensfreude. Wir lasen einige bei Frl. Le Mire, der Schwägerin von Kuno Fischer.
Und nun bin ich ganz abgekommen, Ihnen meinen Tagesablauf weiter zu beschreiben: um ½ 12 mußte ich dann kochen, nachher fixierte ich die Bilder, von ½ 3 –½ 4 war Stunde,
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| um 4 gings in die Klinik bis ½ 6, u. dann noch mit Aenne ein wenig spazieren. –Das ist doch ganz tüchtig. Und die Zeichnerei im pathologischen ist so häßlich, lauter solch entartete Sachen. Schauderhaft! Aber wissen Sie, ich mache mir vor, ich täte es für Sie, da wird es mir leichter. Wenn wir so beide fürs tägliche Brot arbeiten, das ist mir auch wie eine Gemeinsamkeit. So mische ich mir liebe Illusionen in die nüchterne Realität, u. ich bin doch sonst so objektiv! Und ich will es auch sein: klar u. fest, denn das Leben ist hart. Aber wir beide werden es überwinden u. Deiner lieben Seele die Freiheit erringen.
Mit treuen Gedanken immer bei Dir
Deine Schwester.

[Fuß] Aenne bringt mich um, wenn ich die wiederholt aufgetragenen, herzlichen Grüße nicht ausrichte. Bitte, grüßen Sie auch Ihren Vater! – Ich schreibe wieder, sobald ich Zeit habe.
[li. Rand S. 1] Vetter Hans (Griesbach) hat sich verlobt mit einer sehr netten Freundin von Aennchen.