Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Mai 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Mai 1911
Lieber Bruder.
Ich habe großes Verlangen, mal wieder von Ihnen zu hören. Denn nach dem täglichen Beisammensein ist diese völlige Abgeschnittenheit jeden Verkehrs doppelt hart. Aber ich weiß, daß Sie mal in Ruhe schreiben möchten, u. dazu kommt es einfach nicht.
Im Geist verfolge ich Ihren Tageslauf, u. möchte mich überzeugen können, wie es sich einteilt u. wie Sie es aushalten. Sorgen Sie mir ja für Ihre Gesundheit! Denn daß die Kräfte erhalten werden, das ist kein "Luxus".
Wie gern würde ich Ihnen recht etwas Hübsches mitschicken, irgend etwas, was Ihnen gut tun könnte. So sind es halt lauter prosaische Nützlichkeiten. Ob die Taschentücher so
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| recht sind? Man kann schöner sticken, lieber Freund, aber ich kann es leider nicht. Die schwarzen Flecken im Auge stören doch bei feineren Arbeiten merklich. – Das Sanatogen hat Aenne vor Jahr u. Tag bekommen u. versucht. Behauptet aber, es nicht zu vertragen.x [li. Rand] x u. hat es mir geschenkt. Wollen Sie es fertig nehmen? (Aber ja nicht schreiben, wegen Omama!!)
Die Photos zur Ansicht. Wenn Sie von dem Ehepäärchen eins wollen, so können Sie sichs aussuchen. Aber Sie müssen nicht! – Und der Herr Dr. am Schreibtisch? Bei dem größeren habe ich ja glücklich mit Verbesserungsversuchen die Platte vollends verdorben. Schade, denn es wird lange dauern, bis ich eine neue machen kann.
Die Zeit fliegt an jedem Tage mit rasender Eile u. nie erledigt man, was man vorhatte. Und doch kommt es mir endlos lange vor, seit ich von Berlin abreiste u. endlos bis zum August. Aber wenn man ruhig von
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| Tag zu Tag das Nötige erledigt, so muß es ja endlich doch hingehen.
Wenn ich Ihnen doch helfen könnte, sich möglichst wenig bei diesem Getriebe aufzureiben. Vor allem lassen Sie uns die innere Ruhe bewahren. Es geht alles, u. wir lassen uns einfach nicht unterkriegen, nicht wahr? Gehen Sie nach Möglichkeit jeder Erregung aus dem Wege. Es fördert nicht; Sie wissen, Aussprachen sind zwecklos u. Sie erschweren sich die Aufgabe im täglichen Leben bis zur Unerträglichkeit, wenn Sie mit seelischen Ansprüchen heran gehen, die nicht zu befriedigen sind. Ein Verständnis wird nie, nie möglich sein; alles was Sie erreichen können, ist eine gemeinsame Existenz zu erhalten. Ärgern Sie sich nicht über jeden Mangel an Einsicht, bitte, denken Sie immer ich bäte Sie darum, sich nicht
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| zu ärgern. Bestimmen Sie u. halten Sie ruhig an dem Notwendigen fest, damit werden Sie alles durchsetzen. Mit Tränen u. nachherigem Nachgeben u. Gutmachen wird nichts gebessert – im Gegenteil. Haben Sie nichts über die Schmucksachen gehört? Ich habe eine stille Sorge, daß trotz allem u. allein Ihr Vater, um die gegenwärtige Lage zu bessern, doch immer noch versuchen könnte, das Glück irgendwie zu unterstützen. Ich kann mir ja garnichts Bestimmtes denken, aber irgendwie muß die Mehrausgabe der ersten 3 Monate doch zu erklären sein. Nach allem, was er mir erzählte, ist das immer sein Verfahren gewesen u. der Rückgang des Vermögens ist ganz gewiß nicht nur auf Verbrauch, sondern auch auf mißglückte Spekulation zu setzen.– Sie würden an seinen Absichten wohl weiter nichts ändern; ich hielte es nur für gut, wenn er immer wieder gelegentlich hörte, daß
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| für die bewußten 10 M täglich, u. für die Miete unter allen Umständen von Ihnen gesorgt wird. Daß da keine Sorge nötig ist, wenn er lernt, sich damit einzuteilen u. auch kleinere Haushaltsanschaffungen davon zu ersparen. – Schreiben Sie auch bei Zeiten, wenn ich was schicken soll!
Hier ist die Klinikarbeit eben nicht lebhaft. Unsre Karte aus Schwetzingen sagte Ihnen, daß ich mit Coss dort einen sehr hübschen Nachmittag verlebte. Es war der erste freie Tag, den ich nach längerer Zeit hatte, u. es war entzückendes Wetter. Auf den Rückweg sahen wir vom Eisenbahnzuge aus einen Flieger, Zweidecker, der nach Süden flog. Es war ganz wundervoll, u. ich nehme alles zurück, was ich je dagegen gesagt habe. Es muß wohl immer noch eine Portion Abenteuerlust in mir stecken, denn ich hatte die größte Lust, mitzufliegen. "Doch bleibt es jedem eingeboren –" Ja, ja,
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| aber leider sind es bei unsereinem nur die Gedanken, die fliegen können.
Ich möchte so gern wissen, wie das Befinden ist, mein lieber Freund? Und wie steht es mit dem Rauchen? Können Sie es nicht hie u. da mal mit der Chocolade als Ersatz versuchen? Das regt auch an u. ist doch zu gleich ein wenig nahrhaft. All die Sachen sind nicht dazu, sie guten Freunden zu verfüttern, hören Sie, sondern zur Unterstützung der Ernährung. Die Merino-Cakes zum Kaffee, u. die Orangen vielleicht nach Tisch? Haben Sie das Ei auch nicht vergessen [über der Zeile] sondern gegessen? Die Schale kann man wohl verkochen, die ist nicht sehr fein.
Wo waren Sie bei dem argen Gewitter? Hier ist das übliche Heidelberger Wetter, schön, sonnig, schwül, jeden Tag ein kleiner Regen. Aber ich bin den ganzen Tag so fleißig, daß ich nicht viel Zeit habe, drauf zu
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| achten. – Ob es in Neubabelsberg hübsch war? Was hat Knauer gesagt, daß Sie nicht kommen? Ja, aber ich will lieber nicht fragen, Sie werden andres zu berichten haben. Nur eins möchte ich gern noch wissen, wie sich das mit der alten Garde im Pesthaus u. im Publikum gemacht hat? Sie Armer, solch ein Mißgeschick! Das kommt davon, daß Sie bei der Cousine Eindruck schinden wollten!
Jetzt will ich aber sorgen, daß das Paket noch fort kommt. Darum für heute ade, mein lieber, lieber Bruder. Alles andre denken Sie sich, Sie wissen es ja.
Grüßen Sie Ihren Vater u. seien Sie von Aenne gegrüßt.
Treu
Ihre Schwester.