Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Mai 1911 (Heidelberg//Mannheim)


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<diese Kopie ist teilweise schlecht lesbar>
Heidelberg-Mannheim
13. Mai 1911.
Lieber Bruder.
Eben bekomme ich einen Brief von der Tante, bei der die <Wort unleserlich> Freundin einen Tag zu Besuch war, u. sie schreibt, ich solle Ihnen doch ja zureden, das andre Mädchen zu nehmen. Sie ist ja wirklich sehr gut empfohlen u. wie es heißt, wäre sie auch mit 26 M. Lohn zufrieden. Aber zum Zureden habe ich <Wort unleserlich> nicht den Mut, als man nicht wissen kann,ob alles klappt u. sie sich in die besonderen Verhältnisse gut einfindet. Aber eine Verbesserung wird es sicher auf alle Fälle sein u. ich wollte wirklich, Sie versuchten es doch noch einmal. Einen Grund zur Kündigung würden Sie doch nicht weiter brauchen, als den, daß Ihnen die bisherige eben nicht pünktlich u. sorgfältig genug ist. Aber Sie müssen wissen, ob sie Ihnen doch auf die <Wort fehlt>
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| genügt, ob sich inzwischen Mißstände gehoben u. keine neuen eingestellt haben. Sehr beruhigt kann ich nicht an die häusliche Fürsorge denken u. ich ängstige mich immer, daß es eben doch für Sie nachteilig sein könnte, wie es jetzt ist. Auf alle Fälle garnicht behaglich, u. das könnte doch weit mehr der Fall sein.
Ich weiß nicht, ob mein Paket Sie noch vor <Wort unleserlich> am Sonntag erreicht? Wie gern käme ich selbst für ein Stündchen mit u. ließe mir erzählen von allem, wofür zum Schreiben die Zeit fehlt.
Gestern war ich so besonders lebhaft im Geiste bei Ihnen. Morgens war es so müdes, gewitterschwüles Wetter u. mir war das Herz recht schwer. Dann war Stunde (Vor– u. Nachmittag), dann hatte ich zu nähen u. nach dem Abendbrod gingen Aenne u. ich mit Coss aufs Schloß um Mondschein zu sehen. Er erzählte von seinem <Wort unleserlich>
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| bei Troeltsch, ist noch immer ungemein angeregt von ihm, schwärmt für Heidelberg u. denkt schon mit Bedauern an den Abschied. – Ich hörte nur mit halbem Ohre zu u. genoß still die wunderbaren Eindrücke der dämmerigen Welt. Vom Goetheplätzchen aus lag die Stadt mit ihrem Lichterglanz u. dem gedämpften Leben friedlich u. zauberhaft zu unseren Füßen, dann saßen wir länger auf einer Bank mit dem Blick auf die Ruine u. über den Berg kam heller u. heller die Lichtsphäre des Mondes. Der Nachtwind strich durch die Linden, die Sterne stiegen herauf, alles waren Töne aus Hölderlins schönen Versen "an <Wort unleserlich>" – alles war, wie wir es schon zusammen erlebt u. genossen – nur Sie fehlten mir, um von der Schönheit befreit, beglückt zu sein.
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Heut soll ich mit Aenne u. den Schwestern Seitz über den Dilsberg nach Neckargemünd gehen. Aber ich gehe eigentlich nicht gern dahin, wenn es nicht mit Ihnen sein kann. Es wird auch sehr heiß werden u. wir fahren schon 2 Uhr 29. Um 1 komme ich erst von Mannheim.
Dies ist also nur ein inniger, treuer Sonntagsgruß. Bleiben Sie mir gesund, u. sorgen Sie, daß ich in Ruhe an Sie denken kann! Wir wollen dem Spiel des Lebens zusehen, u. nicht in dem Wirbel untergehen –wir wollen eine Grenze ziehen: bis hierher u. nicht weiter, hier ist eine ewige, stille unzerstörbare Welt!
AEI
Deine
Schwester