Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Mai 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Mai 1911.
Lieber Freund.
Meine Briefe sind das Porto nicht wert, u. mein geistiges Leben ist gleich Null! Aber ich habe Ihnen für 2 liebe Briefe zu danken u. möchte auch endlich die bewußten 3 Scheine schicken. Ob es so genügt? Sind die neuen nicht unglaublich häßlich? - Die 2 Photographien können Sie vielleicht noch brauchen. Aber ich möchte gern genehmigen, wer sie haben soll!
Das war ein seltsames Zusammentreffen, daß Sie gerade das Paket mit den Stettiner Typen schon am Samstag bekamen, während es sonst oft so lange dauert u. Hermann also die Bilder zuerst bei Ihnen sah.* [li. Rand] *Mein Brief an ihn mit den Bildern war erst Montag in Stettin. So hatte ich es in der Tat nicht beabsichtigt, wenn es ja nun auch ganz
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| nett war, daß die Berliner sie auch auf diese Weise gleich zu sehen bekamen. Hat Hermann Ihnen von der Herausgabe der Levana erzählt, daß es nur eine Auswahl sein soll? Wie fanden Sie ihn überhaupt? Ob er wohl noch so elend aussah? - Ich habe die stille Hoffnung, daß sein wirklich freundschaftliches Gefühl für Sie sich jetzt auch im Verkehr unbefangener u. freier äußert u. daß Sie sich mit ihm allmählich wieder mehr nähern. Er bittet mich, Ihnen doch zu seinem Pfingstplan zuzureden. Aber das kann ich natürlich nicht. Das müssen Sie eben doch selbst bestimmen u. die Möglichkeit erwägen. Sie wissen ja, welche Freude Sie Hermann mit Ihrem Kommen machen würden u. ich wäre so froh, wenn Sie dort ein paar freie, fröhliche Tage haben könnten. Sind die Schwierigkeiten wirklich unüberwindlich? Würden die Kosten doch beträchtlich sein? Das käme doch aber
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| erst in zweiter Linie in Betracht, wenn es für die Gesundheit nützlich wäre. - Da ich bei den Reiseplänen gerade bin, so möchte ich auch gleich anfragen, ob es bei unsrer Absicht auf den geliebten Hermersberger Hof bleibt? Ich müßte dann nämlich doch dort noch im Laufe des Mai bestellen, da die besseren Zimmer meist recht begehrt sind. Loswerden können wir sie immer wieder.
Heut ist es hier so kalt, daß man heizen möchte u. die Sommerpläne einem recht gewagt vorkommen. Großmutter Knaps u. Aenne sind für 3 Tage verreist, in die Nähe vom Donnersberg nach Kirchheimbolanden. Schade, daß sie nicht besser Wetter dazu haben. Es war so schön bisher, wenn es auch täglich ein wenig regnete. Ist in Berlin jetzt auch Spargelzeit? Hier kostet das <altes Pfundzeichen> 50 <altes Pfennigzeichen>. Er ist so gesund, lassen Sie sich doch öfter kochen.
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| Daß der Baldriantee Ihnen so gut tut, höre ich mit Freude. Ich brauche so etwas nicht. Meine Nerven sind sehr ruhig u. ich schlafe famos. Sehr fleißig bin ich durchschnittlich noch immer, wenn es auch meist nur prosaisch nützliche Sachen sind, die ich zu tun habe. Mit den Stunden geht es so so, la la. Am Montag kommt Frl. Seitz zum letztenmal, ehe sie verreist, dann hoffe ich auch mal wieder mehr zu eigener Arbeit zu kommen, skizzieren oder Blumen malen, ich habe ordentlich Sehnsucht danach.
Daß meine Nützlichkeitssendung Ihnen so viel Freude machte, hat mich sehr glücklich gemacht. Ich würde nur gern jetzt mal hören, wie es Ihrem Vater geht u. ob die Störung vorüber ist? Denn wenn ja auch kein Grund zu Beunruhigung war, es greift doch auch immer in die Lebensgewohnheit u. in Ihre Zeiteinteilung ein. - Wenn es nun doch im übrigen
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| so normal u. befriedigend weiter gehen möchte, daß Sie sich still u. sicher Herr der Situation fühlen können. Ich höre so gern, so gern Gutes von Ihnen. Daß Sie kein Sanatogen brauchen, u. keine Taschentücher, aber daß sie Ihnen viel Liebes von mir gesagt haben. Ich habe sie doch gestickt u. gewaschen u. gebügelt, alles selbst gemacht - ich selbst! - für Sie.
Haben Sie nun eigentlich mal Zeit für die Feuerversicherung? Bitte verbummeln Sie das doch ja nicht. Ich habe dieser Tage auch einen Strauß mit der Steuer gehabt u. habe mich herunterrücken lassen. Es ist ganz enorm, wieviel wir hier bezahlen müssen, es ist wirklich fast der "Zehnte" von allem, was ich habe!! Und die Beamten sind immer so hartnäckig, als hätten sie persönlichen Nutzen davon!
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Am vorigen Dienstag waren wir zu einer Versammlung der kirchlich-liberalen Vereinigung, wo Troeltsch sprechen sollte. Den Anfang machte ein wunderschöner Choral vom Kirchenchor der Altstadt gesungen. Das gefiel mir am besten u. spann liebe Gedanken an. Dann begrüßte der Vorsitzende alle ehrenwerten Gäste, vor allem u. immer wieder aber den geh. Kirchenrat, Prof. Dr. Troeltsch!! Dann kam dieser zu Wort, redete aber recht nachlässig u. wenn er auch immer einzelne gute Gedanken u. manche famose Wendung bringt, so gefiel es mir doch garnicht, wie er mit größter Ausführlichkeit vor dieser kirchlich gesinnten Versammlung von dem "Geruch u. Geschmack der Kirche", von Geistlichen, Predigten u. degl. sprach in höchst wegwerfender Art. Es war einfach taktlos u. paßte
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| wohl zu vertraulicher Mitteilung, aber nicht zu einer Rede für diese Sache. Ihm ist natürlich der Kirchenbesuch nur eine stimmungsvolle Jugenderinnerung, aber wenn er die Predigt der Musik gegenüber als Menschenwerk bezeichnet, so ist das doch kein Gegensatz - u. wenn er die Kirche als notwendig zu religiöser Überlieferung erklärt, aber den Gottesdienst eigentlich nur als recht dürftig anerkennt, so ist das ein direkter Widerspruch. Kurz, ich war sehr amüsiert, denn er spricht immer höchst fesselnd u. drastisch, aber ich war nicht interessiert oder befriedigt. Man hat nichts davon mitgenommen. Ich bin halt verwöhnt!
Wie brennend gern hätte ich die Analyse von Goethe's Versen vor den "Mondschäfchen" mit angehört. Das Gedicht ist mir so besonders lieb.
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Trotz der Kälte singt am Gaisberg eine Nachtigall unermüdlich, daß ich es bis herüber hören kann. So etwas giebts nicht in der stolzen Residenzstadt, mein armer Großstädter mit dem kahlen Hof u. den lärmenden Straßen! Aber dafür wollen wir uns auf den August freuen, da ist dort oben die Natur für uns allein! Hoffentlich ist Ihr Vater wieder gesund. Bitte, grüßen Sie ihn von mir; u. bitte schreiben Sie mir gleich eine Karte, daß dies angekommen ist. Ich beunruhige mich immer ein wenig über diese Art der Sendung.
Innig u. treu
Deine Schwester.

Wie ists mit dem Mädchen? Ich habe eben Stellvertretung. Das Elendswurm ist krank.