Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Mai 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. Mai 1911.
Lieber Bruder.
Es ist ein ungewohntes Ereignis in unsrer Korrespondenz, daß ich schon wieder 2 Briefe zu beantworten habe! Vielen herzlichen Dank dafür. Was mich am meisten freut, ist die gute, zufriedene Stimmung, die daraus spricht. Möchte sichs so weiter nach Wunsch abwickeln u. möchte die geheimnisvolle Möglichkeit, die am Horizonte schwebt, eine recht brauchbare, frohe Wirklichkeit werden.
Sehr zufrieden bin ich mit dem Entschluß, nun doch das andre Mädchen zu mieten. Hoffentlich ist die Sache nun wirklich fest abgemacht. Viel unbrauchbarer kann sie ja wohl nicht sein, aber sehr leicht
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| tüchtiger u. angenehmer. Eine nähere Begründung brauchen Sie der Bisherigen wahrhaftig nicht zu geben, u. ich kann mir auch ohne Einzelheiten denken, wie wenig sie taugt.
Wenn nur diese Zeit nicht wieder unnötig kostspielig wird, da die täglichen Ausgaben schon wieder in die Höhe gingen. Wenn Sie dafür eine bessere Verpflegung haben, ists ja gut. Aber nicht, wenn sie nur höher anschreibt. - Wenn Sie die 300 jetzt nicht voll gebrauchen, so ist das ja nur angenehm u. wir sparen für unsre Reise! Ich weiß, daß Sie ohnehin keine Extraausgaben machen, ich möchte Sie aber doch noch einmal bitten, ja mit voller Konsequenz an dem Finanzprogramm festzuhalten u. nicht mit der Ihnen so natürlichen Noblesse u. in dem Gefühl wachsender Sicherheit zu früh etwaigen Über
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|griffen nachzusehen. Es kommt auch eine Zeit, wo Sie das wieder können, aber augenblicklich ist noch die größte Vorsicht nötig.
Lassen Sie ja Ihre Zähne endlich in Ordnung bringen. Auch ich leiste mir dies Vergnügen eben mal wieder. Es ist eine zu mangelhafte Einrichtung damit.
Irgendetwas Hübsches oder Interessantes habe ich kaum zu melden. Die Tage gehen in regelmäßiger Beschäftigung hin u. dazwischen bin ich hie u. da im Freien. Auf den Dilsberg bin ich nicht gekommen u. ich warte damit auch lieber auf Sie! Ich bin froh, daß Sie auch öfter mal hinauskommen, wenn auch die Rennerei hinter der Schulpartie her nicht sehr erquicklich gewesen sein mag. Schade! Die kühlen, sonnigen Tage gefallen mir sehr gut. Sie werden auch Ihrer
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| Arbeit zu gute kommen. Denn die Hitze macht so leicht schlapp.
Es sind immer noch mehr als 9 Wochen bis zu den Ferien, also noch nicht 1/3 ist vorüber. Wenn wir doch mal erst in der Hälfte wären, dann geht es doch schneller u. schneller.
Eigentlich werden mir die Tage nicht lang, weil sie immer ausgefüllt sind. Nur wenn ich anfange zu rechnen, faßt mich die Ungeduld. In diesen Tagen will ich dann also auf den Hermersberger schreiben. In unsern Zimmern dort ist ein Tisch u. die Eisenbahnfahrt von dort nach Berlin wird etwa 18 Stunden weit sein. Telegramme werden von Wilgartswiesen aus telephonisch bestellt, erleiden also keine Verspätung.
Wir dachten es uns so, daß Aenne etwa eine Woche früher, als wir, hinaufgeht, da sie ihre Mutter nicht
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| so lange allein lassen möchte u. dann etwa bis zum 12. mit uns dort bleibt. Hoffentlich ist uns das Wetter günstig, wie es uns da oben sonst auch war. -
Daß Sie zu Pfingsten nicht fortkönnen, tut mir leid. Aber ich sehe ein, wie schwierig es wäre. Wir werden auch still daheim sitzen; aber in der nächsten Woche wollen wir für einen Tag nach Kaiserslautern. Und vorgestern war ich bei Weises in Frankfurt. Willy war mal wieder krank inzwischen u. was Anna davon erzählte, klingt ganz, als wenn sein Herz doch recht krank sein muß. Im täglichen Leben geht es ihm bei großer Vorsicht u. Schonung ja ganz gut. Aber jede noch so leichte Erkrankung bringt die ernstesten Störungen. Es ist so traurig u. für die Eltern eine
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| furchtbare Sorge. Ich traf zu meiner Freude auf Georg, der für 1 Tag von Gießen da war u. abends kam auch noch Adolf, der in Darmstadt übt. Georg ist immer sehr erfüllt von Plänen u. Ideen. Anfang Juli will er den Dr. machen. Er hat einen Freund in Freiburg, kath. Geistlichen, der ihn offenbar sehr beeinflußt, u. der seine Anschauungen sehr gewandelt hat. Die Eltern sind sogar in Sorge, er könnte übertreten!
Für die verschiedenen Drucksachen habe ich noch garnicht gedankt. Im Fichte ist gleich anfangs ein recht dummer Druckfehler. Die Thesen habe ich an Coss gegeben u. er wollte sie auch gleich weiter befördern. Tags zuvor hatte ich von denen, die ich noch hatte, auch an Ada Weinel geschickt. - Ihre
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| Bilder, lieber Freund, können Sie natürlich geben, wem Sie wollen. Das war doch von mir nur so ein Scherz.
Und nun schlafen Sie gut! Es ist schon recht spät u. Sie werden es dem Brief wohl sehr anmerken, wie müde ich bin. Aenne läßt grüßen, u. ebenso ich Ihren Vater.
Wie gern käme ich mal mit zu Frau Riehl! Ich weiß Sie immer so gern bei diesen Menschen, die Ihnen so viel sind.
Innige Grüße u. treue Wünsche!
Ihre Schwester.

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