Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4./5. Juni 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. Pfingstsonntag
abends.
4. Juni 1911.
Lieber Bruder.
Wenn ich auch nicht geschrieben habe, Sie wissen ja, daß meine Gedanken mit herzlichen Wünschen immer bei Ihnen sind. Wie sehr habe ich mich über Ihren lieben Brief mit den guten, zufriedenen Berichten gefreut. Ich glaube doch nicht, daß Sie sich vorstellen können, welch wohliges Glücksgefühl mir gute Nachrichten von Ihnen geben, wie dankbar ich bin um die stille Sicherheit u. ruhige Zuversicht, die aus Ihren Zeilen spricht. So soll es weiter gehen! Sie haben in schweren Kämpfen die Herrschaft über die äußere Lebensführung errungen, u. können jetzt mit ruhiger Consequenz an den
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| durchgesetzten Bestimmungen festhalten. So war das alles eben doch nicht vergeblich, u. wir können jetzt hoffen, daß der pekuniäre Ertrag Ihrer angestrengten Arbeit Ihnen ernstere Sorgen fernhält. Sie haben mit Ihren Forderungen einer geordneten Einteilung u. venünftigen Sparsamkeit ganz gewiß nicht Unrecht gehabt. Mag im einzelnen der persönliche Kampf der Meinungen zu einer übertriebenen Schroffheit geführt haben, das ist wohl menschlich natürlich u. zu verzeihen. Die Sache selbst mußte durchgeführt werden. Es bleibt notwendig, daß Sie das Geld immer nur in kleinen Summen für die bestimmte Zeit hergeben u. genauen Nachweis fordern. Es ist kein Mißtrauen, sondern einfach notwendig, wenn Sie die Verantwortung mit Ruhe übernehmen sollen für das, was geschieht. Und kleine Zwischen
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|fälle, die vielleicht nicht ausbleiben, werden uns jetzt nicht mehr aus dem Sattel werfen, nicht wahr?
Sie sehen doch selbst, wie erfolgreich Ihr Mühen ist, auf welche Einnahmen Sie mit Sicherheit rechnen können. Es handelt sich jetzt nur darum, daß Sie mit der Kontrole nicht erlahmen u. so die schwer errungene Disposition wieder verscherzen. - Wie sehr freuts mich, daß das Colleg die erwarteten 1000 M sogar noch übertraf.
Ich verstehe so gut, daß Sie so viel lieber mit Ihrem Vater im Einvernehmen alles ordneten u. berieten. Aber wie er nun einmal ist, ists eben doch auch in seinem Interesse, daß Sie als undurchsichtige Vorsehung die Führung behalten, die durch seinen Mangel an Vorsicht nur gefährdet wäre. Er ist nicht zu ändern, aber Sie helfen ihm, wenn
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| Sie ihm keine Möglichkeit zu unvernünftigem Wirtschaften geben. Ach, wenn doch mit dem neuen Mädchen etwas mehr Behagen u. Fürsorge für Sie, mein liebster Bruder, ins Haus käme!
Wie mögen Sie die Feiertage zugebracht haben? Die Schulpartie am Mittwoch freut mich sehr. Lassen Sie mich hören, wie es war.
Von mir ist wenig zu erzählen. Luise Seitz ist verreist, aber noch ist immer so viel rückständige Arbeit, daß ich zum Malen im Freien nicht kam. Es ist auch selten, daß man nicht von einem Gewitter überrascht wird. Auch am Donnerstag in Kaiserslautern regnete es fast den ganzen Tag mit kurzen Unterbrechungen. Wir besuchten dort eine Freundin von Aenne mit ihrer alten Mutter. Stadt u. Gegend sprachen
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| mich wenig an, aber die 2 Menschen waren sehr liebenswürdig.

Montag früh.
Eigentlich sollte man jetzt in die Kirche gehen, nicht wahr? Es ist wundervoller Sonnenschein, Glockenläuten u. sonntägliche Stille in den Straßen. Auch in mir ist Feiertagsstille, u. wenn ich nicht in die Kirche gehe, um mir vom heiligen Geist erzählen zu lassen, so bin ich drum doch wohl nicht verlassen von allen guten Geistern. Ich denke Ihrer, u. wünsche mir, daß Sie ein paar frohe, erholende Ferientage haben. Ich bin erfüllt von der Kraft u. Bedeutung des Daseins, das sich uns immer neu u. herrlich in gemeinsamem Leben enthüllt, u. mein Herz ist voller Ruhe u. Dankbarkeit in dieser Gewißheit. Wir können doch jetzt froh darauf vertrauen, mein geliebter Freund, daß Ihnen
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| nach all dem schweren Ringen eine volle, beglückende Lebenserfüllung bestimmt ist. Sie haben Ihre Kraft gestählt, bewährt u. mit immer größerer Sicherheit, in festem, selbsterrungenem Besitze stehen Sie den Wechselfällen des Daseins gegenüber. Was es auch sei, das in der dunklen Zukunft ruht, es kann Sie nur fördern, denn Sie haben ein klares Ziel u. einen festen Willen. So beherrschen Sie den blinden Zufall mit der Kraft zum Guten u. - "es müssen Ihnen alle Dinge zum Besten dienen." Ob es nun eine bewußte persönliche Fügung von außen giebt - das können wir nicht wissen, aber in uns ist der Wille gelegt, alles, was da kommt, zum Guten zu fügen. Und in diesem Glauben wollen wir Kraft u. Freudigkeit behalten. -
Wir lesen eben abends ein merk
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|würdiges Buch: Amalie Dietrich. Die Biographie einer Frau, die als Forschungsreisende nach Australien ging. Sie ist wahrhaft fanatisch begeistert für ihren Beruf u. leistet auch Ungewöhnliches. Das wäre alles recht gut, wenn sie nicht eine Tochter hätte, die sie darüber völlig im Stiche läßt. Das Kind ist ganz anders geartet u. leidet schrecklich darunter, immer heimatlos zu sein. - Durch Bekannte hören wir, daß diese Charitas, die das Buch geschrieben hat, dann einen Pfarrer heiratete u. jetzt vor kurzem als Witwe mit 4 Kindern fast mittellos zurückgeblieben ist. Der Mann verunglückte auf einem Amtsgange. So ist auch andern das Leben hart u. wir sollten klagen?
Mein lieber, lieber Freund, bleiben Sie gesund. Grüßen Sie, wenn jemand nach mir fragt u. auch Ihren Vater. -
Auch ich denke so viel an die Zeit vor einem Jahr. Wie bange war mir damals zu Mute; Sie wissen ja, ich habe oft ein seltsames Vorgefühl dessen, was uns bevorsteht.
Mit Coss war ich vorige Woche mal wieder spazieren. Aber wir waren beide gewitterschlapp. Ich führte ihn nach der beliebten Walkmühle. Das Schönste daran, was mich immer wieder hinzieht, ist wohl die Nähe des Dilsbergs. Wenn nur die dummen Volksspiele da oben nicht unser idyllisches Plätzchen dort oben zerstört haben! - Für einen Univ. Taler hätte ich wohl Verwendung [über der Zeile] im August. - Könnten Sie die Protokolle von Lindau nicht mitbringen? Sie brauchen gewiß Ihre Erklärung zum richtigen Verständnis.
Doch nun genug!
Der Geist der Liebe segne u. schütze Dich.
Treu Deine Schwester.