Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. Juni 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Juni 1911.
Lieber Freund.
Wenn ich diesen Brief morgen früh in den Kasten stecke, dann kommt er so bei Ihnen an, wie ich im vergangenen Jahr. Wie ihn meine Gedanken auf dieser Reise begleiten werden! Ich sehe das dunkle, enge Coupé voller Menschen, u. dann im Morgengrauen das schöne Thüringer Land bei Oberhof. Der Zug raste hindurch, ohne daß ich die Stationennamen lesen konnte, u. ich ahnte nicht, wie bald ich dort mit Ihnen sein würde. Ach, wie gut ist doch die schwere Zeit vorübergegangen. Und alles, was überwunden ist, hat doch vorwärts geführt, u. die Gewißheit wächst mit jedem Schritt.
Wie froh hat mich auch Ihr letzter
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| Brief gemacht, der so zufrieden berichtet. Möge es so geblieben sein, ruhig u. fest, nicht in gewaltsamer Erregung u. Überanspannung der Kräfte.
Ich bin jetzt hier allein seit Montag, u. bin undankbar genug, mich ganz wohl dabei zu befinden. Die Tage sind so ausgefüllt durch Arbeit u. Besuch oder Spazierengehen, daß ich sie nur immer noch länger wünschte. Dabei geht es mir ausgezeichnet, nur schläfrig bin ich. Das kommt wohl mit von den vielen Gewittern u. plötzlichen Temperaturschwankungen; so etwas fühle ich halt immer.
Darum kann ich auch nicht so eingehend nachdenken, wie ich wohl möchte über die schwierigen Fragen in Ihrem Brief, u. Sie werden mein Verständnis recht mangelhaft finden. - Setzt Ihre Vergleichung der Linien ein Objektives voraus, das in der entsprechenden subjektiven
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| Form gestaltet wird? Mir will diese zahlenmäßige Schematisierung gar nicht recht anschaulich werden. Ich kann mir das gesamte Geistesleben eines Menschen nicht als so einfache Formel denken, da die Objektivität der Vorstellung auf den verschiedenen Gebieten doch ungemein verschieden sein kann, u. zwar nicht in regelmäßigen Proportionen in den einzelnen Teilen.
Wir sprachen vor Jahren einmal von der Rhythmik bei der Bildung von KChristallen. Aber so einfach kristallisiert das Lebendige nicht, u. die Gesetzmäßigkeit des Seelischen würde ich mir viel eher unter dem Bilde von Naturformen denken können, etwa den Blättern, die auch einem ganz bestimmten Strukturgesetzt gehorchen, u. von denen doch nie eins genau ist, wie das andre. Jedenfalls aber wird es mir so schwer,
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| mich in diese Art der Betrachtung hinein zu denken, weil mir die Formeln garnicht geläufig u. schwer verständlich sind.
Anschaulicher ist mir das Verhältnis des Subjektiven u. Objektiven in der Form der Pyramide. Dennoch ist das Ästhetische das Lebendigste, u. die Logik gleich der starren Naturnotwendigkeit, die kausale Kette, die alles bindet u. doch nichts schafft. Wenn nun auch das Ziel der Erziehung nicht absolute Objektivität auf allen Gebieten sein kann u. darf, muß nicht überall der Hinweis auf das Objektive u. die Gesetzmäßigkeit ihr Inhalt sein? Bildet sich nicht das Individuelle allein höher durch solche Erkenntnis? Durch Erkenntnis frei werden, das ists doch wohl in allem. Sie sprechen oft davon: von der Seele frei zu werden. Aber wird
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| denn etwas Großes geschaffen, das nicht aus ganzer Seele käme? Nur befreit soll die Seele werden von selbstischen Zwecken zu Zielen, die sie hinausheben über die eigne Enge, die das Leben erhöhen durch den Anschluß an ein Höheres, an eine große Ordnung der Dinge. Darum ist eine Philosophie nicht notwendig ein umfassendes Weltbild, sondern ein Mensch der Tat braucht nur einzelne orientierende Linien, die ihn in Zusammenhang setzen mit der Welt, u. in dieser Ordnung findet er das Gleichgewicht. Die religiöse Sprache nennt dies: in Gottes Hand stehen, der kritische Denker spricht von Notwendigkeit, Gesetz u. Gründen. Immer ist es das Aufgehen des persönlichen Willens in einem höheren Ganzen. Und umso wertvoller erscheint mir
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| die Form der Einfügung, je weniger der persönliche Wille dabei gebrochen wird.
Aber was soll Ihnen das uninteressante Zeug! Und Interessantes habe ich garnicht zu berichten. Gestern war ich mal wieder mit Coss spazieren. Er erzählte sehr erfreut, daß er eine Assistentenstellung [über der Zeile] auf dem Columbia College in New York erhalten habe, die er gleich bei seiner Rückkehr, (d. h. nach den Ferien, die er erst zu Haus zubringt) antreten soll. Jedenfalls werde er dabei Zeit genug behalten, seinen Dr. zu machen. Vom amerikanischen Schulwesen hat er mir allerlei berichtet. Auch von der Verbindung, der er angehört. Im ganzen ist er mir etwas zu superlativ, aber das ist ja jugendlich, u. auch liebenswürdig, da er es meist nur in der Begeisterung für die Dinge ist. - Und ein so
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| junger, unreifer Mensch wie der kleine Registrator wird heiraten? Sonderbar. Für Ihre gemeinsamen Spaziergänge bedaure ich es sehr. Und Ludwig hat Anlage, ein wenig Philister zu werden? Schade! Wenn sie nur öfter zusammen kämen, würde er gewiß dazu nicht so leicht kommen.
Sie haben dem Herrn Budenbender geschrieben. Doch nicht etwa vom Hermersberger Hof u. ihn gar aufgefordert, auch hin zu kommen? Aenne meint, dazu müßten Sie uns doch erst fragen, ehe Sie uns wen auf unsern Hermersberger einladen. Denn da oben ist man unter Bekannten doch sehr auf einander angewiesen, u. das kann unter Umständen recht schwierig sein. Bitte, schreiben Sie
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| doch mal, ob meine Vermutung richtig ist. Wenn nicht, dann möchte ich in der Tat bitten, doch recht vorsichtig zu sein, u. den Aufenthalt nicht zu verraten. Wir haben das auch mit unsren Freunden hier immer so gehalten, denn in der Sommerfrische ist man gern mal frei von Verpflichtungen. - Aber vielleicht wäre es Ihnen eine sehr große Freude, den alten Herrn da oben zu haben? - Von vielem, was mich sonst noch beschäftigt, nun bald mündlich. Die Hälfte der Zeit ist ja um, u. dann kommen die Ferien.
Immer, wie vor einem Jahr, in Treue
Ihre
Schwester.
Grüßen Sie Ihren Vater herzlich.

[re. Rand] Haben Sie nie etwas gehört, was das für eine Anfrage bei Riehl war? Er wird ihre Sache doch gut vertreten?
[li. Rand S.1] Ich trinke jetzt abends öfter von Ihrem Geheimratstee.

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Am 15. Juni morgens. Fortsetzung.
Es ist Feiertag heut in Süddeutschland. Da will ich auch noch ein wenig feiern. Draußen regnet es in Strömen, u. es ist eine schauderhafte Kälte. Gut, daß wir die schönen Tage doch oft ausnützten. - Von Troeltsch sprach Coss neulich auch wieder viel. Als Mensch schätzt er ihn nicht sehr hoch ein, ich weiß nicht recht weshalb. Sonderbar finde ich es, daß Tr. jetzt, nachdem er das im Religiösen gegebene Objektive vergeblich herauszuholen versuchte, ganz ins Gegenteil verfällt. Überall soll er das Zufällige, Zusammenhangslose, Gesetzlose betonen. Er ist doch wohl lediglich kritisch, ohne eigne Gestaltungskraft u. Standpunkt.
- Es ist wohl an allem zu merken, wie sehr mein Leben jetzt an der Oberfläche verläuft. Nur ein mechanisches Abwickeln von Pflichten u. äußeren Ereignissen. Es dringt
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| nichts durch u. in der Tiefe ist es ganz still. Die schönen Stunden in der Natur, oder das Zusammensein mit befreundeten Menschen freuen mich. Aber es gleitet alles nur wie ein Schauspiel vorüber. Ist es gut, die Seele so still zu machen? Liegt sie nicht wie gefangen unter der Ruhe? Denn unser Wille ist es doch, der sie ruhig machte u. nicht diese oder jene Erkenntnis von Gesetzlichkeiten. Sie wurde nur abgelenkt von sich auf diese Dinge.
Wie war vor acht Tagen die Schulpartie? Haben Sie viel Freude dran gehabt?
Von Willy Weise hatte ich einen Brief aus Nauheim, sehr kindlich u. nett. Anna schreibt vom Ergebnis der Untersuchung u. der Kur sehr zufrieden. - Tante Grete ist eben in Cassel, Ende des Monats geht sie wieder nach Berlin.
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Wie mag es mit den häuslichen Existenzbedingungen eben bei Ihnen sein? Und wie mit dem Stand der Ausgaben? Bleibt es im vorgeschriebenen Maß?
Vom Hermersberger haben wir eine sehr nette Zusage, daß die Zimmer reserviert sind. Den schwarzen Rock brauchen Sie diesmal nicht mitzubringen!
Wie weit sind Sie in der Pädagogik? - Ich bin entrüstet über die langweiligen Volksschullehrer, die nicht einmal von Ihnen zu wecken sind. - Bei Paula Seitz las ich neulich ein paar Schulaufsätze von Neunjährigen. Da scheint das Stadium der zusammenhangslosen Aufzählung noch nicht durchweg überwunden zu sein. Von ihrem kleinen Artikel, lieber "Schundliterat", ist Paula S. sehr angetan u. stimmt völlig bei. - Die Thesen
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| zu dem Rel. Vortrag findet sie sehr schwer. Es ist gewiß, daß Sie immer große Anforderungen an den Hörer machen, ihn zu starker Mitarbeit zwingen, aber das ist doch wohl kein pädagogischer Fehler. Mir erscheinen weniger konzentrierte Sachen seitdem leicht flach. Glauben Sie, daß Riehl mit seiner Methode besser wirkt? Es ist wohl sparsamer in eigenen Interesse. Sie sind eben gewohnt aus reichem Besitz mit vollen Händen auszuschütten.
Bleiben Sie gesund wie bisher. Mit vielen innigen Grüßen
Ihre Schwester.

In der deutschen Rundschau vom 1. Juni ist eine amüsante Kritik vom alten Lasson über Reinke, die Kunst der Weltanschauung. So freundlich u. wohlwollend!