Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Juni 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg, 20. Juni 1911.
<Zeichnung: eine Feder>
Lieber Freund.
Ihre heutige Karte mahnt mich an meine Saumseligkeit u. doch sollte ich eigentlich so viel Zeit zum Schreiben haben. Aber es ist unglaublich, wie die Tage verfliegen u. wie müde ich abends nach 9 Uhr bin. - Ich hatte mich so sehr gefreut über den Brief vom 15.! Daß Sie daran denken würden, wußte ich wohl, aber ich zweifelte sehr, ob Sie zum schreiben kommen würden. Wenn Sie nur auch Besseres hätten melden können! Wie leid hat mir mein armer Lazarus getan. Sie brauchen wirklich keinen Aderlaß u. die schauderhaften Schmerzen! Vom Rasieren hatten Sie derartige Wirkungen erwartet u. mir das rote Blut zu sammeln versprochen - aber es so zu vergeuden, finde ich sehr unnötig. Es war wenigstens noch ein vernünftiger
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| Zufall, daß es in die Woche mit dem Frohnleichnamstag fiel, von dem man übrigens früher in Norddeutschland nichts bemerkte. Sind denn bei den Volksschullehrern soviel Katholiken? Drum auch - -!
Hoffentlich ist das unangenehme Intermezzo jetzt ganz überwunden? Oder hat es Sie arg mitgenommen?
Und was die andre üble Nachricht betrifft, so freut es mich, daß sich da die Verhältnisse gelichtet haben. Was aber Sie betrifft im Zusammenhang damit, so ist es doch wohl übereilt, daran irgend welche Befürchtungen zu knüpfen. Ich habe das sichere Gefühl, daß Sie Ihren Weg durchsetzen, mit oder ohne R. - Natürlich ist persönliche Vermittlung wertvoll, aber mehr noch gilt doch wohl, was einer leistet. Und "Einer" hat doch einen ganz schönen Posten vorzuzeigen. - Mögen die prachtvollen Federn aus dem Frohnauer Wald
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| ein gutes Omen sein. Die haben doch eine ganz andre Schwungkraft als unsre kleine Häherfeder - sie haben auch so viel mehr Erdenschwere zu tragen, als damals, wie wir so froh u. leicht u. ahnungslos wanderten.
- Wie haben Sie nur zwei so gleiche, schöne Federn gefunden? Sie haben wohl einen ganzen Raben gerupft? Wären Sie doch heute hier gewesen!
Coss holte mich wieder zum Spazierengehen u. wir haben so, eigentlich ganz planlos eine entzückende Tour gemacht. Wir befreunden uns wirklich immer mehr u. wenn unser Verkehr auch eigentlich nur so ein behagliches Schlendern ohne großen, geistigen Aufwand ist, so habe ich doch große Freude dran u. werde es recht vermissen. Heut schlug er vor, mal in die Ebene zu gehen u. wir folgten also dem Neckar [unter der Zeile] (auf dem jenseitigen Ufer)
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| teils am Ufer, teils durch Felder u. Alleen bei Wieblingen vorüber, immer mit dem stillen Gedanken doch noch an die Bergstraße abzubiegen. Kaffee hatten wir keinen getrunken u. Durst hatten wir sehr. Wo giebts was zu trinken u. zwar was Gutes? Ich hatte eine leuchtende Erinnerung, von der Strahlenburg, an Edinger Bier. Also das lockte u. lockte uns immer weiter flußab, u. es ist so schön, einmal den freien, weiten Himmel über sich, die Berge [über der Zeile] nur in blauer Ferne, wunderbar beleuchtet u. beschattet durch Sonne u. lockeres Gewölk, der Lerchenjubel, der die Luft durchzittert u. eine Üppigkeit der Vegetation, die uns immer neue überraschende Formen zeigt, so gingen wir
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| weiter, bis wir beide müde waren u. uns ins Gras setzten. Das hätten wir nicht tun sollen - denn so kam es gerade, daß wir in Edingen die Fähre erreichten, als drüben für 3 Stunden der letzte Zug nach H. abfuhr. Aber wo wäre der großartige Genuß geblieben, der uns nun noch bevorstand, wenn wir ihn erreicht hätten! Auf einer Terasse am Neckar ein alter, einsamer Wirtsgarten unter dichten Bäumen, Schwarzbrot u. Butter u. Brot, alles frisch u. famos u. erscht nit deier - so brachten wir die Zeit beschaulich hin. Dann erkundigten wir uns nach der Entfernung des nächsten Ortes: Neckarhausen - 1/2 Stunde. Also nur Mut. In Neckarhausen sehen wir Ladenburg schräg gegenüber liegen, die Stadtbahn fährt rascher, also wir hinüber u. sind nun doch noch ein ganz Teil eher zu Haus. Wären Sie doch dabei gewesen. Sie glauben nicht, wie hübsch es war u. wie ich Sie herbei wünschte. Es
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| müssen Ihnen die Ohren geklungen haben u. Sie sollten auch eigentlich eine Karte haben. Aber es war dort garzu primitiv für solche Sachen, u. in Ladenburg wars schon nach 8 Uhr. Wollen wir dort auch einmal hin, wenn etwa der Dilsberg für uns verdorben wäre? Aber freilich in der Sommerhitze wäres nichts. Heut war ein starker, kühler Wind, fast Seeluft. Hätte ich nur den Apparat mitgehabt! Gewiß ein Dutzend Bilder haben wir gesehen, u. aber fein! Und wie oft schleppt man sich nutzlos mit dem Kram.
Gestern war ich nur zu Hause u. habe für Port gezeichnet. Es war trübe u. regnerisch, aber gegen 8 brach plötzlich die Sonne durch mit einem so intensiven Licht, daß Berg u. Häuser ordentlich durchleuchtet schienen. Ich blickte erstaunt auf von dem
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| glühenden Schein u. da wölbte sich über dem Gaisberg ein Regenbogen so strahlend schön, wie man ihn selten sieht, ganz hoch u. völlig gleichmäßig stand er gewiß 10 Minuten da, in seiner ganzen Länge doppelt, wie ein festes Gebilde, unverändert. Es ist ein reizvolles, sinniges Spiel der Natur, dieser Bote des Friedens, diese leichte Brücke, über die in froher Sicherheit die Hoffnung schreitet.
Am Sonntag war ich zu Mittag bei Seitz's, u. wir gingen später noch auf den Speyrerhof. - Samstag war es in Mannheim ganz nett u. ich hoffe, die Stunde soll recht erfreulich ausklingen, denn der Bub ist recht eifrig eben.
Von Aenne kommen ganz zufriedene Nachrichten; sie haben es dort bei der Familie von der Schwester sehr behaglich. Nur gesundheitlich ist
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| sie nicht so ganz zufrieden, schläft nicht gut. Ich könnte immer schlafen, bin das reine Murmeltier, u. lebe sehr faul dahin. Es geht mir so gut dabei, daß ich womöglich garkeine Sommerfrische brauche. Vielleicht bestellen Sie sich doch lieber den Herrn Budenbender? Ich hätte mich ja auch drein gefunden, aber lieber ist mirs doch, daß Sie ihn nicht orientiert haben, so gern ich ihn mal kennen lernen würde. Wenn er bei Ihnen anfragt, können Sie ja mich als Hindernis vorschieben u. mir auch die Wahl des Ortes überlassen haben, der noch im Dunkel liegt!! Ach wenn wir doch gutes Wetter hätten!
Das ist nun so ein rechter Schwätzbrief, wie die Aenne sagt. Aber er bringt Ihnen viele, viele liebe Grüße. Und wohin soll ich mit Coss am 27. gehen? Sie kriegen dann eine Karte!! Bis dahin lebewohl - aber auch wirklich! In Treue
Deine Schwester.