Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Juni 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Juni 1911.
Mein lieber Freund.
Sie haben wohl noch nie ein so prosaisches Geburtstagspaket von mir bekommen, wie diesmal. Lauter Nützlichkeiten, die Ihnen eben nur sagen können, wie gern ich ein wenig lieb für Sie sorgen möchte. Und weil mir das alles garso nüchtern war, habe ich rasch noch eine kleine Anleihe gemacht u. das schönste der Hafislieder abgeschrieben. Die Hülle ist ein Momentprodukt, bittet um gnädige Kritik. Ich habe leider keine Zeit gehabt, nach der Natur zu malen, u. so zeichnete ich nach alten Studien u. kolorierte nur ein wenig. Das
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| Resultat gefällt mir garnicht. Aber es macht mir Lust, es besser zu machen. Auch das Schlipsenähen gerät nicht beim erstenmal. Doch die Übung wird schon machen, daß ich nächstesmal mehr Ehre damit einlegen kann. Ich weiß nicht, ob Ihnen die Farben gefallen? Bitte, ehrliche Antwort!
Wie gern käme ich wieder zum Gratulieren selbst, wie voriges Jahr. Aber es ist doch gut, daß keine Krankheit dazu Veranlassung gab. Bleiben Sie gesund, dann werden keine Hindernisse Ihren Weg aufhalten können.
Mir ist, als hätte ich lange nichts gehört. Das macht, weil es keine gute Nachricht war. Die Karte berichtete ja Besseres u. ich hoffe, so haben Sie nun auch das neue Jahr begonnen, wenn diese Zeilen bei Ihnen sind. Möge es ein gutes, gesegnetes Jahr sein, möge es uns erhalten, was uns
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| in den vergangenen leuchtete; nicht die äußren Dinge bestimmen ja unser Los, denn wir können, wir wollen sie gestalten. Wie wunderbar schön u. reich ist die Welt, die Ihre Seele schafft u. die von Ihnen hinüberwirkt in empfängliche Menschenherzen. - Die Religionsphilosophie ruht eben. Aber in der Stille schreitet ihre Entwicklung fort, denn nur aus dem lebendigen Drang des Lebens wächst ihre Wahrheit. Können wir leben, ohne alles auf diese letzten Dinge zu beziehen?
Ich kann nicht mehr denken, was ich wohl wäre, ohne Sie. Ist es Fügung, daß wir uns trafen? Fanden wir uns nur, weil wir uns helfen konnten, wären sonst fremd vorüber gegangen? Woher aber hat die Seele in solchen Augenblicken die blitzartige Erkenntnis von solchen Tiefen, die doch in schweigender Seele u. dunkler Zukunft
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| verborgen liegen? Was wäre das Leben ohne solche Gewißheit, die über alles Wissen geht! So wollen wir weiter wandern in Zuversicht.
Über meiner Sendung war diesmal ein wahres Verhängnis. Auch heut hat wieder ein Besuch das Schreiben verzögert u. ich muß sorgen, daß das Paket zur Post kommt. Drum sein Sie mit dem kurzen Briefchen zufrieden. Sie wissen ja alles, alles, was auch zwischen den Zeilen steht.
Am Mittwoch kommt Aenne zurück. Die Zeit ist rasend schnell vergangen. Gestern war Onkel Hermann für eine Stunde hier, sehr hastig u. wenig ergiebig. Sonst alles im stillen Gleis der Gewohnheit.
Treu u. innig
Deine Schwester.

Vielen Dank für die Zeitschrift, die ich, vom Mannheim kommend, vorfand - u. herzl. Grüße an Ihren Vater u. wo Sie es sonst <re. Rand> angebracht finden.