Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Juli 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Juli 1911.
Lieber Freund.
Es sind schon über 14 Tage her, seit ich Ihnen zuletzt schrieb u. es will sich durchaus keine ruhige Stunde dazu finden lassen. In Gedanken eile ich schon der Zeit voraus u. freue mich in der Stille des baldigen Zusammenseins. Wie u. wann wird es sein? Ich hoffe, daß Sie es bestimmt so einrichten, am 2. August reisen zu können u. daß Sie womöglich gleich bis hier durchfahren. Ich finde bei der Hitze selbst das nachts durchfahren nicht so schlimm. Es geht abends 10 Uhr ab Potd. Bahnhof u. man ist 11 Uhr morgens hier. Da kann man ja noch nachschlafen. Es wäre doch immer noch 1/2 Tag mehr, wenn Sie schon am 1. abends reisen könnten.
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| Denn in der Tat, abzwacken dürfen Sie nichts von dieser kurzen Erholungszeit, u. ich finde es einen recht unglücklichen Gedanken, daß Sie schon am 1. September wieder in die Schule wollen. Schlimm genug, daß Sie am 2. im Pestalozzi-Fröbelhaus sein müssen u. also diese Woche nicht einmal voll ausnützen können. Bleiben Sie doch den 31. mal wieder bei mir, eventuell auf der Rückreise in Cassel, wohin ich für die erste Hälfte September dann noch gehe. Aber lassen Sie uns diesen Gedenktag einmal wieder zusammen verleben. Wollen Sie?
Ich bin so sher gespannt, zu hören, wie es sich mit dem neuen Mädchen einrichtet. Fehler werden ja alle haben, aber so unangenehm, wie die vorige, wird doch nicht leicht eine sein. Hoffentlich versteht sie vernünftig zu sparen, ohne daß die Nahrhaftigkeit des Essens leidet. -
Lieber Freund, ich habe ein Anliegen, was mich schon
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| die ganze Zeit her beschäftigt. Wenn Sie nun auf die Reise gehen, so denken Sie nicht, daß das doch ein Vergnügen für Sie sei, für das Ihrem Vater eine Entschädigung gebührt. Sie reisen doch einfach, um arbeitsfähig zu bleiben u. er hat zeitlebens gesorgt, daß er nicht zu kurz kam u. tut es noch. Sie müssen sparen, um nicht in unhaltbaren Verhältnissen zu versinken, u. Sie dürfen sich daraus keinen Vorwurf machen, noch machen lassen. Wenn Sie nun fortgehen, lassen Sie nicht eine übertrieben große Summe zurück, denn Sie wissen, wenn das Geld da ist, wird es auch ausgegeben. Ich fände es richtig u. gut, wenn Sie für die Tage Ihres Fortseins nur 9 M geben würden, also 1 M für sich selbst abrechnen; das ist weniger, als Sie in Wirklichkeit brauchen; aber das schadet ja nichts u. für die 30 M.
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| haben Sie fast die Reise. Dann wäre es ganz gewiß besser, wenn Sie die 270 M nicht auf einmal zurücklassen würden, sondern etwa am 15. die 2. Hälfte von hier schickten. Sie können ja irgend eine Einnahme von einer Schrift erwarten, die Sie erst hier bekommen. - Nehmen Sie diese Vorsichtsmaßregeln, die ganz gewiß eine kleine Passion zur Einteilung ausüben würden nicht als ungutes Mißtrauen. Ich empfinde sie nur als notwendige Abwehr unliebsamer Mehrausgaben. Denn es ist ja kein Mißtrauen in den guten Willen Ihres Vaters, sondern nur ein Rechnen mit den gegebenen Verhältnissen, ohne sich von Illusionen blenden zu lassen. Der Mangel an vernünftiger Einteilung der vorhandenen Mittel ist eine geistige Eigenschaft mancher Menschen, die man ihnen wohl nicht zum Vorwurf machen will, die man aber unbedingt in ihren
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| schädlichen Folgen abschwächen muß. Was hat Ihr Vater davon, wenn Sie sich widerstandslos in den Ruin treiben lassen?
Sehr entsetzt war ich über die Verschwendungssucht, die das Honorar des amerik. Aufsatzes bei Ihnen hervorrief! Hoffentlich ist der Anfall vorübergegangen? Einen reinen Kragen u. schon wieder einen Zahn, - ich muß doch sagen, das ist mehr als leichtsinnig. Sind Sie jetzt von den kleinen Miserabligkeiten des Daseins ein wenig verschont, lieber Freund? - Ich habe mir neulich was Nettes geleistet, was aber gut ablief. Ich bin auf meiner Rückseite mit einem Gepolter, als wenn das Haus einfiele, die halbe Treppe hinuntergerodelt. Zum Glück ging Aenne vor mir u. ich fand bei ihr ein Reisehindernis. Wenn ich sie mit
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|gerissen hätte, konnte die Sache unangenehm werden. Und ich war doch ganz nüchtern, trotz unsrer unsoliden Grundsätze. Ich dachte mir, daß Ihnen das [über der Zeile] von der "Nüchternheit" gefallen müßte u. ich bedaure nur, daß Sie zu garkeiner Anwendung der leichten Moral kommen konnten. Wären Sie doch am 27. bei uns gewesen! Der Weg über den Dilsberg war so hübsch. Aber die Wirtschaft mit unserm Balkon ist unmöglich geworden; so endigten wir bei Meyer u. tranken je 1/4 Markgräfler auf Ihr Wohl, worauf mich die beiden andern neckten, ich hätte einen kleinen Schwipps! Es war aber nicht wahr, wie Sie sich denken können bei dem geringen Quantum. Aber lustig waren wir. Ich freue mich schon auf den offnen Wein in der Pfalz! Sie auch? Enthalte dich der Nüchternheit - es ist das einzig
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| Wahre.
Am 2. Juli ist der kleine Neffe getauft worden. Aber ich habe noch nichts von denen gehört. - Am Dienstag kommt Johanna Schwalbe mit 2 Töchtern hier durch, logiert bei Knapsens, Klein-Hanni bei mir. Im übrigen geht alles im täglichen Gleichmaß, u. ich fange an, die Tage zu zählen, da ja nun die Wochen zu Ende gehen! Ich denke, daß wir doch am Freitag, d. 4. wohl auf dem Hermersberger sein werden? Bringen Sie ja Ihren ältesten Anzug mit. Da oben kann man keinen Staat machen. Haben Sie denn einen Vertreter? Machen Sie sich ja recht energisch auf die Suche u. zwar für den ganzen August incl. 1. Sept!
Wie ists übrigens mit der Mappe, ist Ihnen die recht, die ich schickte, oder
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| soll man sie umtauschen? Es giebt noch dickere; aber die schienen mir so schwer u. plump. Wenn's Ihnen aber lieber wäre, so bringen Sie das Ding doch mit u. wir nehmen hier eine andre.
Vorige Woche war ich endlich einmal wieder zum Malen draußen; habe ein ganz nettes Skizzchen vom Neckarufer mit Stifts mitgebracht. An den Rosen hatte ich auszusetzen, daß sie für stilisierte zu naturalistisch, für naturalistische zu stilisiert waren, also gänzlich stillos!
Doch ade für heute, mein liebster Bruder. Wenn Sie keine Zeit haben, geben Sie mir rasch mal per Karte Nachricht. Das schließt ja den späteren Brief nicht aus.
In Treue
Deine Schwester.