Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./21. Juli 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Juli 1911.
Lieber Freund.
Es ist ganz schwach mit meiner Geduld zum Schreiben bestellt, denn heut in 2 Wochen geht das alles ja viel besser mündlich zu berichten! Bei mir setzen die Ferien diesmal schon ganz unvermutet früh ein, u. ich führe bereits ein schrecklich faules Leben. Es sind aber auch ganz herrliche Sommertage eben u. man leidet garnicht unter der Hitze, weil es niemals schwül ist. Die Stunde in Mannheim geht mit dem nächsten Samtag zu Ende. Da kommt Hans noch am Nachmittag zum Skizzieren herüber u. dann ist Schluß. Schade!
Von den 3 hiesigen ist einer bereits verreist u. die 2 andern kommen noch zweimal, dann wird das auch
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| ein Ende haben wegen Schulwechsels. Prof. Port hat heute Abschied genommen, bis nach den Ferien - also: was soll ich in aller Welt tun? Ich bin kaltgestellt! Da kann ich wohl noch ein paarmal im Freien malen, bis es in die Pfalz geht.

21. Juli. Aber trotzdem ist immer keine Zeit zum Schreiben! Es ist unglaublich, u. Sie hätten wirklich Grund zu zanken. Aber ein bißchen muß auch die Aenne davon bekommen, die mich in Anbetracht ihrer baldigen Abreise ziemlich viel beansprucht. -
Ich war so froh, daß Ihr letzter lieber Brief von guter Stimmung berichtete. Möchte es Ihnen doch weiter gut gegangen sein! Nur mit dem Zahn ists noch nicht in Ordnung gewesen, was ist das nur? Es beunruhigt mich, daß es wieder Schmerzen gemacht haben könnte. - In Gedanken bin ich immer bei den Plänen für die Reise. Und so will
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| ich auch heut möglichst über die noch schwebenden Fragen mit Ihnen verhandeln u. alles, alles Andre soll warten, bis wir uns sehen.
Wegen des Zimmers will ich heute mit Coss reden. Es wäre gewiß ganz empfehlenswert, nur ist es ein wenig weit vom Bahnhof: bei der Jesuitenkirche.
- Da, eben wird Ihr Brief in den Kasten geworfen u. wie sehr erregt er mich! Auch ich habe die Gedanken an mögliche Veränderungen immer absichtlich bei Seite geschoben, weil ein Grübeln nichts nützt u. ein Verbohren in Wünsche u. Hoffnungen nur quält. Es muß ja einmal kommen u. da augenblicklich die Verhältnisse erträglich sind, so war es besser in Ruhe gut warten. Aber wie meine stillen Wünsche für Ihr Schicksal Sie begleiten,
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| wie heiß ichs ersehne, daß Erfolg u. Ehre u. äußere Sicherheit Ihnen nun bald, recht bald sichtbar entgegenkommen möchten - das wissen Sie. Was ich wünschen soll von all den Möglichkeiten, weiß ich nicht. Leipzig hat auch so sehr die Schattenseiten des Großbetriebes u. ich hätte um Ihretwillen lieber gesehen, daß Sie für kurze Zeit auch einmal die Vorteile einer stillen Kleinstadt genossen hätten. Aber wie es auch komme, es muß zum Guten sein u. meine treuen, innigen Segenswünsche geleiten Sie.
Ach, wären wir doch schon 14 Tage weiter, daß wir reden könnten. Dresden ist doch nicht Universität, was solls denn dort? -
Ihre Vorschläge wegen Ihres Hierseins sind mir sehr recht, lassen sich auch je nach Bedarf abändern. Wegen
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| des Ankommens wäre es am besten, daß Sie am Karlstor ausstiegen u. wir gleich mit der Elektrischen schon das Gepäck in Ihre Wohnung brächten, dann gemeinsam irgendwo zu Abend äßen. (Der Zug hat meist Verspätung!)
Wegen Speyer ist Aenne sehr dagegen, das auf dem Hinweg zu machen. Aber ich finde, wenn es Ihnen lieb ist, tun Sie es ja! Ich würde den alten Herrn gerne kennen lernen, u. vielleicht können wir auf der Fahrt auf den H. H. dort einige Stunden bleiben u. dann in Germersheim doch noch den Zug bekommen, der um 4 Uhr in Kaltenbach ist. Ich will das jetzt alles mal mit dem Plan ausrechnen. - Wegen Ruska werde ich nachforschen, aber am Tage der Abreise geht das nicht. Wir müßten dann eben erst am Sonnabend in die Pfalz fahren. Vielleicht ists auch
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| besser, dann können wir noch hier einkaufen, was Sie etwa brauchen. Gepackt habe ich natürlich schon, ehe Sie kommen.
Mein lieber ordentlicher, außerordentlicher, äußerst ordentlicher Freund, Sie haben mich wirklich sehr in Aufregung versetzt mit Ihrem Schreiben! Ich wollte, es käme nun mal auch die Entscheidung, damit Sie in Ruhe u. doppelt froh unsre Sommerfrische genießen können. -
Ich hätte mir den Tag hier eigentlich so gedacht: morgens Schloß u. Sie vor Tisch noch zu Ruska. Essen bei mir, (Kümmelbacher sehr schlecht!) dann Neckartal, Walkmühle (muß sein!) und abends Dilsberg. Dann können wir Freitag über Speyer oben sein. Was meinen Sie dazu?
Bringen Sie ja die Mappe mit, die muß der Sattler machen. Coss
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| reist Mittwoch [über der Zeile] oder Donnerstag - er wird es wohl selbst schreiben, denn nach dem Kalender sehe ich, daß seine Angabe nicht stimmt.
Hoffentlich bewährt sich das Mädchen, sodaß Sie beruhigt reisen können. Jedenfalls genügen auch 260 M reichlich, ich hatte Sie nur bitten wollen, nicht noch mehr zurück zu lassen! - Pension auf dem H. H. ist 3,50 M, aber Getränke!! Immerhin große Unkosten kann man sich da oben nicht machen. Also dehnen wir nur die Sache möglichst in die Länge. Ich bin sehr ungeduldig u. hoffe, daß uns nun nichts mehr dazwischenkommt. Die o's u. a o 's etc. sollen warten bis Sie wieder in Berlin sind!
Ich schreibe Ihnen noch bald genauer, über die Einzelheiten hier u. für
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| unsre Fahrt in die Pfalz. Ich möchte Ihnen zu Haus auch allerlei zeigen können, also eigentlich wäre es wohl besser, wir nähmen uns gleich vor, erst Sonnabend weiter zu fahren. Es ist sonst eine schreckliche Hetzerei.
Nachher - um 2 Uhr - gehe ich zur Bahn, treffe Aenne, Frl. Seitz, Coss u. wir fahren nach Hirschhorn, Ersheimer Kapelle, Burg, dann Neckarfahrt, Neckarsteinach Abendbrot. Ich wünschte Sie so dazu herbei! Aber machen Sie nur, daß Sie recht bald kommen zu
Ihrer
ungeduldigen Schwester.
Herzliche Grüße an Ihren Vater.
Und einen extra-ordentlichen Gruß an den ordentlichen Professor in spe, mit oder ohne Seifenblase - auf alle Fälle!