Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Juli 1911 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. Juli 1911.
Lieber Freund.
Es war gestern ein besonderer Tag, solch echte sonnenerfüllte Sommerschönheit - u. die Gedanken erfüllt von all diesen Möglichkeiten, die über Ihrem Schicksal schweben. Wenn nun die Entscheidung an Sie heran tritt, lassen Sie sich ja nicht zu billig einfangen. Man denkt vielleicht, die Ehre der frühen Berufung solle Ihnen Entschädigung bieten, aber es ist doch vor allem auch wichtig, daß diese Stellung Ihnen wirkliche Sorgenfreiheit bringt.
Ich war immer so erfreut, daß Riehl Ihnen die Ungewißheit der verschiedenen Aussichten u. Möglichkeiten fern hielt, denn was nützt die Beunruhigung durch
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| Dinge, über die man doch garkeine Entscheidung hat. Ich dachte mir immer, es ist ja Zeit, wenn es wirklich Ernst wird. Wir wollen in der Gegenwart leben. - Wie oft habe ich mit Schwalbes diese Spannung, die sichere Aussicht u. dann durch irgend einen Zufall wieder vereitelt, die Enttäuschung erfahren. Da sprechen ja soviel kleine Interessen, persönliche Beziehungen mit, daß man den Ausgang nie mit Sicherheit berechnen kann. Aber wenn man jetzt doch in Berlin sieht, daß man sich auswärts bemüht, Sie zu gewinnen, dann machen sie dort hoffentlich doch einmal lohnende Anstrengungen, Sie zu behalten. Die auswärtige Berufung kann ja immer noch kommen.
Natürlich würde ich es mit Vernunft ertragen, wenn eine Berufungssache unsre Reise verzögerte. Aber noch hoffe
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| ich, das soll nicht der Fall sein u. Sie erst in rechter Ruhe Ihre Ferien genießen. Und ich bin nun mal so egoistisch, daß ich, trotz aller Wünsche für Ihr Wohl, u. trotz der großen Freude, die alles Gute, das Ihnen widerfährt, auch mir bereitet, daß ich trotzdem mich jetzt am allermeisten auf Ihr Kommen freue.
Ob Ruska da ist, werde ich durch Paula Seitz erfahren. Mit Coss sprach ich wegen der Wohnung, er will seine Wirtin danach fragen. Eventuell wissen wir auch noch etwas Näheres. Am Karlstor können Sie nicht aussteigen, der Schnellzug fährt durch. Gestern, als wir auf dem Neckar in einem zierlichen Nachen zu viert herunter schwammen, noch oberhalb Neckarsteinachs, den Dilsberg vor uns, da sauste der Zug am Ufer vorüber u. ich wurde ganz ungeduldig, daß Sie immer noch nicht darin waren.
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Am Sonntag. Ob Sie wohl im Freien sind? Hier ists heut zum erstemmal kühler im Haus. Draußen im Schatten 28° R. – Wenn nur der Sommer nicht all seine Schönheit verpufft, ehe wir etwas davon haben. – Ich habe nun auch mal die Züge nachgesehen. Wir fahren über Bruchsal 12 Uhr 12 u. über Speyer ebenso. Dann 3 Uhr 40 müssen wir in Kaltenbach sein. Wenn wir in Speyer Aufenthalt haben sollen, so müßten wir entweder 6.52 früh abfahren, oder über Ludwigshafen, was mit d. Gepäck sehr unbequem wäre. Es scheint also eigentlich doch, [über der Zeile] als wenn Sie das besser auf dem Rückweg machten, während ich nach hier durchfahre, um meine Sachen für Cassel umzupacken. – Auf alle Fälle aber finde ich es ratsam, für hier 2 Tage zu rechnen, falls das Wetter leidlich ist, daß wir doch auch etwas in Ruhe vom Neckartal haben können
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Jetzt noch 10 Tage, dann hoffe ich, Sie hier zu sehen. Ich freue mich so sehr u. habe nur immer die stille Sorge, daß schließlich doch noch etwas dazwischen kommen könnte.
Am Donnerstag will Coss Sie nach dem Colleg aufsuchen u. eventuell nach Haus begleiten, damit Sie keine Zeit damit verlieren. Morgen werde ich ihn nochmal sehen. Er war uns auf manchen schönen Ausflügen ein sehr angenehmer Gesellschafter u. wir werden herzlich bedauern, wenn er nun fort ist. Er hat sich in unsern Kreis sehr liebenswürdig eingefügt u. uns manche Anregung gebracht. Vor allem aber ist er ein guter, tüchtiger, warmherziger Mensch, den man gern haben muß.
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Mit Hans Clemm ists nun also zu Ende. Und das tut mir in jeder Beziehung sehr leid. - Die Mutter hat mir das Bild des Jungen geschickt u. eine höchst elegante Tasche, so zum Hängenlassen, Sie wissen! (Stutenhaus.)
Nun noch 1 Frage: Werden Sie die Rel. Phil. mitbringen? Und die Protokolle von Lindau? Und werden Sie Troeltsch besuchen?
Wir werden jetzt wohl nur noch Karten zur Verabredung tauschen u. alles Weitere bis zum Mittwoch, d. 2. aufheben. Schreiben Sie nur, ob es Ihnen recht ist, erst am Samtag auf den H. H. zu gehen? Ich möchte hier nicht solche Hetzerei für Sie haben, eventuell hätte ich auch gern, daß Sie Seitzens sähen. Na - das ist ja alles gleich, wenn Sie nur erst glücklich da sind! Viele herzliche Grüße von
Ihrer Schwester Käthe.

[Kopf S. 1] Nehmen Sie sich ja bei der Hitze mit dem Trinken in acht, daß Sie nicht krank werden!