Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. September 1911 (Cassel)


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Cassel. 1. Sept. 1911.
abends.
Lieber Freund.
In "Ihrem" Stübchen sitze ich am Schreibtisch, um Ihnen einen recht, recht herzlichen Sonntagsgruß zu schicken. Gerade jetzt kommen Sie vermutlich in Ch. an; wie lang mag die Fahrt in den heißen Wagen gewesen sein!
Noch kann ich es nicht glauben, daß ich Sie morgen u. übermorgen u. all die Tage nicht wiedersehen soll. Ich fühle die Trennung nicht, denn was könnte uns trennen? So gleitet alles Äußere ab vor der tiefen, stillen Gewißheit,
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| die mein Herz mit froher Lebenskraft erfüllt. So sollen uns diese Wochen nachwirken zum Segen. Nicht den schmerzlichen Abstand wollen wir fühlen, sondern mit klarem Sinne das festhalten, was unser Leben trägt mit schützender, auferbauender Kraft. Wissen wir nicht, daß eine wunderbare, unzerreißbare Gemeinschaft uns verbindet, die uns glücklich u. gut macht? Was wäre der Zauber dieser Wochen, wenn er nicht Kraft behielte auch in der Ferne? Hand in Hand, so wollen wir weiter gehen durch
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| lichte u. dunkle Tage. Möchte als klare, ruhevolle Harmonie in Ihnen nachklingen, was wir erlebten, wir beide - möchte es als verklärender Glanz hinüberstrahlen in den langen Alltag des Lebens, der nun wieder vor uns liegt.
Lassen Sie die kleinen, peinigenden Nadelstiche des Daseins nicht hindurch durch diesen - Mückenschutz, u. wenn mein lieber Hitzkopf aufbraust u. sich empört im Zwiespalt mit unzureichenden Verhältnissen, dann sagen Sie ihm:
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| was wäre alle Liebe, wenn sie nicht Kraft gäbe, zu überwinden, zu tragen - zu siegen? In Auflehnung u. Empörung aber liegt Verderben, vor allem für das eigne Herz. Das darf nicht sein, mein Einziger, das könnte ich nicht ertragen. Den unabänderlichen Grund der Verhältnisse kann keine trotzige Gewalt bezwingen, nur unser innerer Standpunkt kann uns darüber erheben. Und diese Freiheit kommt nur aus dem stillen Kampfe der Selbstüberwindung. Wir aber - wir lassen uns nicht unterkriegen, nicht wahr?
In immer gleicher Liebe
Deine
Schwester.

[re. Rand] Von Aenne sind die Nachrichten heut besser, eben bekam ich eine Karte, (Samstag früh) wonach Sie erst gerade jetzt durch die Lüfte segelt.
[Kopf] Viele Grüße auch von Tanting.