Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4./5. September 1911 (Cassel, Augustastr. 4)


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Cassel. 4. Sept. 1911.
Augustastr. 4.
Mein lieber Freund.
Wie gut, daß Sie die Karten voranschickten, denn es wäre wirklich recht hart gewesen, wenn ich auf die erste Nachricht bis heute Mittag hätte warten müssen. Haben Sie nun für alles miteinander - Karten, Sendung u. den lieben Brief - innigen Dank. Was mich vor allem daran glücklich macht, ist die frohe Energie, mit der Sie wieder an den täglichen Kampf heran gehen. Die Berufstätigkeit wird schon von selbst ihren naturgemäßen Fortgang nehmen, u. in dieser halb von außen bedingten Ordnung wird Ihre Kraft entfalten, was eben doch nur Ihre persönliche Leistung vermag.
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| Da hat es für mich immer nur den Wunsch gegeben: Zeit lassen! Es ist ja drin, also wird es auch herauskommen. - Mit welch großem Bangen sehe ich dagegen immer das in Ihrem Leben, was die Seele lähmt u. müde macht, was Ihnen jede berechtigte Lebensfreude untergräbt. Wie oft fühle ich mich machtlos diesem qualvollen Druck gegenüber, u. doch ist es mein unablässiger, heißer Wunsch, Sie, liebster Freund, vor diesem heimlich treffenden Gift behüten zu dürfen. Ich weiß nur zu gut, wie ihre erregbare, überempfindliche Natur leidet u. doch kann ich nichts dagegen tun, als in den kurzen Spannen unsres Zusammenseins mit leiser Hand zu heilen versuchen. Wie manchmal verzweifle ich an dieser Möglichkeit - umso dankbarer u. glücklicher
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| bin ich, wenn ich fühle, daß es nicht vergeblich war. Möchten Sie mehr u. mehr die Kraft innerer Abwehr finden gegen das was herabzieht u. die Seele vergiftet. Wir wollen gemeinsam, in diesem ungewollten, wunderbaren, rückhaltlosen Einssein gemeinsam, ankämpfen gegen alles, was Sie schädigen könnte. Das ist die tiefe Bedeutung, in der der Inhalt dieser Sommerwochen vor mir steht, das immer neue Streben, alle Dinge zum Besten zu wenden. Das ist nicht schwächliche Schönfärberei, nein, es ist ernste, täglich erneute Arbeit. Ich weiß, wie schwer es ist. Aber um Ihretwillen, mein geliebter Freund, bitte ich Sie: vergessen Sie, rechnen Sie nicht, halten Sie sich an das wenige Gute.
Wie freue ich mich, daß der Mond
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| Ihnen am Sedantag all die lieben Grüße ausrichtete, die ich ihm um die gleiche Stunde auftrug. Er ist ein treuer, stiller Bote. Aber Sie wissen es wohl, alles, was Sie freundlich umgiebt, was Ihnen wohltut u. Sie erfreut, ist ein heimlicher Segensgruß von mir.
Wie sehr ich auch wünschte, daß die Hoffnungen mit Leipzig keine vergeblichen sein möchten, brauche ich nicht zu sagen. Aber eigentlich ist es mir garnicht recht, daß Sie durch die erneute Nachricht wieder angefacht wurden. Ich hatte es lieber, daß Sie unter der Oberfläche schlummerten, bis es wirklich Ernst damit würde. Aber ich bin so stolz u. freue mich einstweilen mit Ihnen innig an der Möglichkeit.
- Den ganzen Nachmittag ist Besuch dagewesen, jetzt ists spät,
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| u. ich bin müde. Morgen will Tante mit mir nach Hofgeismar, meine Cousine hat Geburtstag. So will ich doch diesen Brief noch rasch fertig machen. - Es ist recht still bei uns, seit Sie fort sind; wir machen es uns möglichst gemütlich, aber natürlich geht es der Tante nicht besonders gut. Heut hat Onkel sie untersucht u. einen recht ausgebreiteten Lungenkatarrh festgestellt. Verordnet hat er weiter nichts. Er macht immer einen so wenig frohen Eindruck, daß es mich ganz bekümmert.
Gestern war Hans mit seiner Braut da. Ich hätte Sie nicht mehr wiedererkannt, aber sie hat mir ungemein gefallen. Auch die Schwiegereltern traf ich bei Mutti, waren recht liebenswürdig. Er erzählte von dem Schülerbesuch beim
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| Kaiser, daß die Rede ganz verkehrt wieder gegeben sei. Er sagte: Sie haben griechisch getrieben, lernen Sie daraus den Sinn für Harmonie etc.-
Vielen Dank auch für all die mitgesandten Briefsachen. Wie amüsant der Lindau, sonderbar die Sache mit dem Weinstock. Frau Riehl wird sehr enttäuscht sein, wenn sie mich jemals sieht! - Sollte ich eigentlich wissen, wer der Herr Skalweit ist? Ich kann mich leider garnicht besinnen. Es ist so furchtbar traurig, was er schreibt. Hat das alles auch eine weise Vorsehung bestimmt? Ist die Macht, die unser Schicksal bestimmt, gütig? Nein - nein. Aber der Keim zum Leben, zum Guten, zum Göttlichen liegt in allem, u. er kann siegen über Leid u. Tod. Freiheit ist Erlösung
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| vom Selbst, Aufgehen in höheren, selbstlosen, göttlichen Zwecken, Leben im All. Nicht das willenlose Verklingen schwärmerischer Romantik, nein, ein bewußter, klarer abgestimmter Ton in der großen Harmonie.
Die Relgionsphilosophie wollen wir zusammen lesen, wenn Tante nicht zu angegriffen ist. Ich merke recht an allem, wie müde u. energielos sie ist. Wir sind ganz vergnüglich zusammen, u. ich denke, die Zerstreuung durch mich, ist ihr ganz gut. Was nützt es, über das Unabänderliche zu grübeln. Onkel selbst vermeidet jedes Eingehen auf den Punkt. Er ist so gealtert u. nimmt die Sache wohl recht schwer. Eine traurige Geschichte!
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Mir gehts sehr gut. Schlaf u. Appetit sind geradezu beängstigend. Gestern war es noch abscheulich schwül, aber heute war ein herrlicher Tag, nur 16°. So wünschte ichs Ihnen auch. Hoffentlich ist das Wiedersehen mit der kleinen Lämmerherde am Mittwoch recht erfreulich.
Grüßen Sie alle, die mich kennen, vor allem Ihren Vater. Für Sie hat mir besonders das Tanting herzliche Grüße aufgetragen. Von Heidelberg sind die Nachrichten gut. Schrieb Aenne, daß sie am Samstag wirklich "geflogen" ist? Von Oos durch den Schwarzwald, über die Rheinebene bis Germersheim u. zurück.
Ich lobe mir Bacharach! Sind wir nicht sehr, sehr reich?
Treu u. innig
Deine Schwester.

[Kopf] 5.IX. morgens. Nur noch einmal viele innige Grüße! Eben fahren wir nach Hofgeismar.