Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6./7. September 1911 (Kassel)


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Cassel. 6. Sept. 1911.
Lieber Freund.
Eigentlich ist es ein Unfug, daß ich Ihnen schon wieder schreibe. Aber Sie behaupten ja, ich sei immer zu Unfug aufgelegt, u. so will ich nur - selbstlos wie ich bin - sorgen, daß Sie (wie immer!!) Recht behalten.
Ich sitze auf Tantchens Balkon, es sind nur 19°, aber die "gute Luft" ist derart mit Ruß erfüllt, daß mein weißes Kleid aussieht, als hätten sich die Hermersberger Mücken darauf amüsiert. Eben habe ich an Aenne geschrieben, u. gleichzeitig kam nun endlich die Beschreibung der Luftreise. Sie ist nun leider nicht mehr im ersten Eindruck geschrieben u. steht überhaupt wohl schon wieder unter dem Druck der täglichen Schwierigkeit. Das Kind ist noch immer nicht gesund u. darf
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| noch nicht nach Haus, obgleich die Eltern nun wieder da sind. Das Rekonvalescenten-krittel der Großmutter dauert an, so können Sie denken, daß nicht viel Erfreuliches zu melden ist. Da wird die gute Erholung unter unsrer Obhut da oben nicht mehr lange vorhalten. Ich setze dagegen das gute Leben hier noch mit Erfolg fort u. bedaure nur dabei, daß nicht auch Sie es noch ein wenig länger genießen u. nutzen konnten. Heut war nun zum erstenmal wieder Schule. - Bei allem, was ich tue, gedenke ich Ihrer, von allem möchte ich Ihnen erzählen, wenns ja auch eigentlich garnicht der Rede wert ist. Mit der Tante lebe ich sehr still u. verträglich. Sie hat über allerlei ihr Herz ausgeschüttet, u. ich denke, es tut gut, wenn sie davon reden kann. Im ganzen finde ich sie nicht so verstimmt, wie ich gefürchtet hatte; ich glaube aber, sehr schlimm wird es sein, wenn erst der Onkel wirklich fort ist.
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Gestern haben wir einen recht hübschen Tag in Hofgeismar verlebt. Das junge Ehepaar ist froh u. zufrieden, die Kinder sind gesund u. lieb; sie haben ihre tüchtige Arbeit u. einen ihnen zusagenden Verkehr - kurz, man hat nur gute Eindrücke. Und doch, meine ich, ich müßte in solcher Kleinstadt ersticken. Die Enge legt sich förmlich fühlbar über einen. Wie verwöhnt ist man doch durch die geistige Atmosphäre, die man auch in der kleinen Universitätsstadt selbstverständlich atmet - wie doppelt verwöhnt bin ich durch die Menschen, mit denen ich näher verkehre. Von dem, was zwischen uns ist, will ich nicht reden. Ich weiß nicht, ob Sie das Gefühl von Halbheit u. Öde kennen, das mich immer begleitet, wenn Sie fort sind. Aber rein objektiv ist mein Maßstab für die geistige Beurteilung der Menschen durch Sie ein so anspruchsvoller ge
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|worden, daß mir nicht leicht einer genügt. Deswegen kann ich ja natürlich doch jeden in seiner Art schätzen. Aber ich sehe so bald die Grenzen, u. das stört mich. - Ich weiß, das klingt recht arrogant, lieber Freund, aber ich glaube, Sie verstehen, daß es nicht so gemeint ist. Jemand anderem würde ich das nicht gestehen!
Nach Tisch machte ich mit meinem Vetter eine recht flotte Autofahrt in eins der Nachbardörfer (9 km weit.) Im Fahren empfand man die Hitze garnicht; aber während ich dort auf ihn wartete, bekam ich nahezu den Sonnenstich. - Das I war auch da, auf der Durchreise. Sie verwickelte einen armen Oberlehrer in sehr gründliche philologische Gespräche. Ihre Schwester Annchen suchte vergebens abzulenken. Das arme Opfer schien aber nicht garzu unglücklich, war vielleicht in diesem kleinen Nest
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| recht ausgehungert nach Fachunterhaltung. Er ist Schüler von Cohen u. schwört auf des Meisters Worte, aber sonst ein biederer, netter Mann.
Dabei fällt mir der Brief von Coss ein u. was er über Marburg schreibt: Natorp is a careful, clear but rather monotonous lecturer. Cohen interesting, prophetic, enthusiastic, pathetic and a little wandering. He shows his age. He is nearly deaf and has great trouble with his eyes. - Alles andre ist Reisebericht, ausführlich u. gemütlich. Aber dies wird Sie amüsieren.
Heut hatte ich auch endlich einmal wieder einen Brief von Lili Scheibe. So recht charakteristisch: so ein wenig unbestimmt, zusammenhangslos, halb träumerisch, voller Pläne u. schöner Erinnerungen, fleißig an der Arbeit immer mit der alten treuen Gesinnung, wie bei einem gemütlichen Plauderstündchen herumkramend in wechselnden Gedanken. - Tante Thes
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| u. Aenne machen sich beide nicht viel aus dem Lillchen. Ich sehe das wohl auch, aber es ist doch viel an ihr u. gerade ihre etwas unklare, phantastische Art hat mir immer einen eignen Reiz gehabt. Wollen wir Sie nicht mal in Halle besuchen?! Sie möchte Sie lange schon gern kennenlernen. Jetzt macht sie ihre Osterreise nach Florenz, (wofür sie mich damals auch werben wollte) für Kunstgeschichtsstunden nutzbar. Zu den Oktoberferien will sie nach Berlin, das Kaiser Friedrich Museum zu studieren. Da käme ich gerne auch. - Es ist doch eine sehr feine Art, in der Lili ihre Berufstätigkeit ausübt, u. die Resultate haben mir immer sehr imponiert. Wissen Sie noch, wie wir auf unserm ersten gemeinsamen Wege auf dem Heiligenberg in glühender Sonne davon sprachen? Seltsam, wie all die äußerlichen Einzelheiten jenes Tages noch so lebhaft vor mir stehen.

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7. Sept. Eben kommt Ihr lieber Brief u. die Karte zugleich. Es ist mir so froh u. bange dabei. Wenn ich doch nur machen könnte, daß Sie, liebster Freund, sich noch nicht zu fest an den Gedanken klammern. Wie schrecklich, wenn es dann doch nichts würde! Wie leicht entstehen Gerüchte u. verändern ihre Gestalt, werden glaubhaft je nach der Quelle, die sie weiter giebt.
Ich kann ja nicht sagen, wie ich Ihnen diese Befreiung wünsche - aber ich will nicht daran glauben, denn die Enttäuschung wäre ja hart.
Selbstverständlich käme ich gern, Ihnen zu raten u. zu helfen, soviel ich kann. Wir wollen dann überlegen, in welcher Weise es am nützlichsten sein wird. Das Gefühl der großen Verantwortung ist gleich sehr schwer auf meine Seele gefallen, denn wer weiß, ob ich Erfahrung u. Urteil genug habe,
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| Ihnen immer zweckmäßig zu raten?
Mit welcher Spannung werden Sie jedesmal die Post erwarten. Und es wäre wirklich gut, wenn so oder so die Sache endlich einmal sich entschiede. Nicht wahr, mein liebster Bruder, auf alle Fälle lassen wir uns nicht unterkriegen? Sollte es nicht fast notwendiger sein, daß ich komme, wenn es nichts würde?!
Tanting läßt sehr vielmals grüßen u. will die Daumen halten. Sie hofft sehr, daß es was wird, u. fragt, ob Sie nicht dann nochmal herkommen wollten? Ich glaube aber, das ist zu weit.* [li. Rand] *Wie wäre es mit Weimar? - Ja, und hinter allem steht dies drohende Marokko, um dessentwillen man täglich mit Ungeduld die Zeitung erwartet. Mit welcher Sorge ich da im Kriegsfalle zwei Brüder mitziehen sehen würde, wissen Sie. Aber meine tiefsten Gedanken sind eben doch immer bei dem einen, der auch im Kampfe steht - so lange schon. Mit treuen Wünschen in Liebe Deine Schwester.