Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. September 1911 (Cassel)


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Cassel. 8. Sept. 1911
Lieber Freund.
Mein gestriger Brief sagte Ihnen schon, daß der Inhalt Ihrer heutigen Karte mir nicht eigentlich überraschend sein würde. Es erstaunte mich gleich, daß Sie hier Dilthey als gut unterrichtete Quelle annahmen, von dem Sie mir schon öfter sagten, daß er stände den Ereignissen so fern, daß er sich bei Ihnen erkundigt habe. Ich wäre begierig zu hören, woraufhin Misch Ihnen schrieb; er wird es doch wohl erklären?
Im übrigen aber, mein liebster Freund, wollen wir nun ganz gewiß nichts wieder glauben, ehe Sie die offizielle Berufung haben!
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| Finden Sie nicht auch? Dieses Ausmalen des Ungewissen bringt Sie um alle Ruhe. Es ist sehr natürlich so, aber ich sehe mit wachsender Sorge, wie Sie immer zuversichtlicher diesen Gedanken [über der Zeile] sich hingeben. Lassen Sie sich nicht von einer bloßen Hoffnung Hoffnung den festen Boden unter den Füßen fortziehen. Wie froh waren wir doch über die endlich gewonnene relative Sicherheit, mit welchen Opfern ist sie erkauft! Und jetzt lösen Sie sich halb unbewußt davon los, u. wenn die Hoffnung fehlschlägt, dann werden Sie ernüchtert u. fremd den Verhältnissen gegenüberstehen, die Sie doch erst aus eigner Kraft gestalteten, u. in denen Sie eben dann doch weiter leben müssen.
Wie stolz bin ich auf diese Schritt um Schritt errungene Basis Ihrer
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| Existenz u. Ihrer Stellung unter den Menschen. Kein noch so glänzender Erfolg könnte bei mir die Bewunderung auslöschen für diesen Beweis Ihrer sicheren Kraft. Unterschätzen Sie jetzt nicht den Besitz gegenüber dem Wünschenswerten. Wir wissen es beide nur zu gut, aus wie vielen Gründen eine solche Verpflanzung Ihnen zu wünschen wäre. Aber wir wollen diesen Gedanken unterdrücken, bis er greifbare Wirklichkeit ist u. wollen in der Gegenwart, leben als wäre sie dauernd - sonst werden wir wurzellos.
Sie sind jetzt im Begriff, Stück um Stück dieser Gegenwartslast wieder aufzunehmen. Lassen Sie sich den Überdruß an lästigen Verpflichtungen zur Warnung dienen, rücksichtslos
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| abzulehnen, was menschenmöglich ist. Und die Sache mit D. lassen Sie vor allem nicht auf Ihre Stimmung drücken. Sie haben sich bisher mit so viel Geschick durchlaviert, so wird es auch weiter glücken. Und eine gewisse Anregung kommt doch schließlich immer noch bei dem Umgang mit ihm für Sie heraus. Daß Sie die Zeit dazu stehlen müssen, das ist das Unglück dabei.
Wie gern wäre ich in dieser Zeit der Krisis bei Ihnen. Aber ich weiß, daß ich im Grunde ja doch nichts ändern, nicht helfen könnte. Und Sie wissen, daß ich jederzeit zu kommen bereit bin, wenn meine Gegenwart Ihnen erwünscht ist. Wie ich mit all meinen Gedanken auch in der Ferne mitlebe, das sagt Ihnen dieser Brief. Vielleicht finden Sie es übertrieben, daß ich so sorge um das so schwer errungene Gleichgewicht. Aber wer weiß denn, ob es nicht nötig ist! Ich bin nun mal solch ängstliche, langweilige Person, u. bin bei aller Vernunft doch nur
in Liebe Deine Schwester.
[li. Rand] Viele innige Grüße!