Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. September 1911 (Cassel)


[1]
|
Cassel. Sonntag, 10. Sept. 1911
Lieber Bruder.
Heute morgen schrieb ich in aller Eile u. war recht unbefriedigt von dem Wisch. Kurt wartete im Nebenzimmer, wollte mich zum Spazierengehen abholen, u. so hatte ich keine rechte Ruhe. Aber was anderes wußte ich doch auch so nicht zu sagen, denn Ihr Standpunkt scheint mir durchaus klar u. berechtigt zu sein. Wenn Sie eine außerordentliche Professur außerhalb Berlins annehmen sollen, so muß wenigstens eine pekuniäre Verbesserung darin liegen. Haben Sie denn unter den vielen Professoren niemand, mit dem Sie mal reden könnten? Freilich ists ja in jedem Fall wieder was andres, u. es kann so richtig niemand raten, der nicht drinsteckt. Aber wenn nicht gerade Ferien wären, würden Sie doch wohl diese oder jene Meinung hören können, wie andre es ansehen. - Es ist so schade, daß es nun doch nichts ist, dem man mit absoluter Freude zustimmen könnte. Wenn in L. eine ordentliche Professur frei ist, so kann man die ja dann immer noch besetzen u. Ihnen eventuell doch von Barth noch vor die Nase setzen. Darauf können Sie sich doch nicht einlassen; aber daß Sie mit den Leuten verhandeln, ist wohl selbstverständlich u. verpflichtet zu nichts. Dagegen Dilthey! Es ist, als wenn Sie nur für ihn auf der Welt wären. Ihr Name soll neben seinem stehen - u. das Honorar?? - Ich kann doch nicht verstehen, warum Sie nicht einmal offen mit ihm reden können: daß Sie aus Dankbarkeit gern alles Mögliche für ihn täten, daß Sie aber zu einer derart umfangreichen Arbeit sich unter keiner Bedingung verpflichten könnten, da Sie alle Zeit neben der Arbeit für die Vorlesungen zu Erwerbsarbeit ausnutzen müßten. Mit dem, was Sie da erübrigen könnten, sei ihm nicht gedient. Sie aber könnten eine derartige Pflicht erst auf sich nehmen, wenn Sie in gesicherter Stellung seien. Aber Sie glauben, das nicht sagen zu können, u. Sie kennen ihn. Wie aber wollen Sie anders klar werden mit ihm? Doch das ist ja jetzt nicht der Moment! Hoffen wir, daß sich alles noch ebnet. Ist doch aus der Fata Morgana nun dennoch eine Realität geworden, u. wer weiß, ob es nicht nur der Anstoß ist zu Weiterem. Sollten die Bedingungen annehmbar sein, so bieten sie doch auf alle Fälle den Vorteil - der erwünschten Verpflanzung. Seien Sie nur in den Verhandlungen nicht zu nachgiebig. Sie haben ja doch den sicheren Rückhalt in Ihrer Berliner Stellung u. müssen nicht bedingungslos annehmen. Jedenfalls aber wird man auch mit Versprechungen vorsichtig sein müssen u. nur ganz gesicherte Zusagen gelten lassen. Sie haben schon manchmal auf eine selbstverständliche Noblesse gerechnet, wo sie dann doch ausblieb. Im Geschäftsverkehr ist das nicht ratsam, aber sie werden ja fühlen, wie weit das angebracht ist. Und in Dresden werden Sie sein! Grüßen Sie das liebe Dresden. Auf Schritt u. Tritt werden Sie meinen Gedanken begegnen. Wie hübsch, daß ich Sie doch in bekannten Straßen begleiten kann. Möchte es Gutes sein, was Sie da erleben.
Abends.- Ich will diese Zeilen noch fortschicken, wenn auch eigentlich nichts drinsteht. Unaufhörlich beschäftigt mich das Wichtige, das Ihnen bevorsteht. Lassen Sie sich nicht verblüffen! Ich weiß Ihre Nervosität schreckt vor diesen Dingen zurück, aber wenn es gilt, sind Sie immer Herr der Situation. Wenn treue Segenswünsche helfen, dann geht es zum Guten. Mein lieber, inniger Freund - wie ganz bin ich mit meinem Herzen bei Ihnen. Schreiben Sie mir, sobald Sie können. Bei 5000 M würde ich doch raten, den Ruf anzunehmen. Aber - wer weiß denn, was man Ihnen bietet! Tantchen grüßt herzlich u. nimmt lebhaften Anteil. Sie ist auch unsrer Meinung. Grüßen Sie Ihren Vater
Glück auf den Weg, mein geliebter Bruder!
Ihre Käthe