Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. September 1911 (Cassel)


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Cassel. 12. Sept. 1911.
Lieber Freund.
Nun hat doch ein Telegramm meiner Bangigkeit ein Ende gemacht. Wie es mich freute, kann ich Ihnen garnicht sagen! Schon Ihre zuversichtliche Karte heute früh beruhigte mich etwas, aber im Stillen fürchtete ich doch immer, es könnte eine taube Nuß sein mit diesem Leipzig u. Sie statt der erhofften Vorteile u. Sicherheit nur neue Schwierigkeiten u. Aufgaben eintauschen. - Jetzt müssen die Berliner Ihnen doch entschieden dasselbe bieten, wenn
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| Sie dort bleiben sollen? Besser aber wäre es, Sie kämen jetzt nach Leipzig u. man holte Sie in ein paar Jahren als "ordentlichen" zurück. Diesen Weg halte ich doch nun mal für aussichtsreicher, als wenn Sie immer in Berlin festsäßen. Jedenfalls aber werden Sie sich doch nicht mehr mit 3000 M halten lassen?
Sie haben über Ihre augenblicklichen Pläne garnichts berichtet, so daß ich nicht mal weiß, ob Sie heut abend schon wieder zu Haus u. morgen in der Schule sind? Eigentlich nehme ich das an, denn Sie wollten doch da nicht gern nochmal was versäumen. Hoffentlich finden Sie wenigstens zu einer Karte Zeit, die mir ein wenig Genaueres sagt. - War
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| man ohne weiteres mit allem einverstanden? Hätte man wohl gar noch mehr bewilligt? Nun, jedenfalls ist dies nun doch ein Boden, auf dem Sie sicher stehen u. alle Sorgen schwinden. Wenn bei Ihrem Vater nun nicht in diesem Gefühl die Ansprüche wieder in die Höhe schnellen, dann müssen Sie jetzt doch endlich ohne den schrecklichen Druck leben können. Und es wird nicht mehr eine Unzahl von zersplitternden Verpflichtungen Sie zerreißen, sondern eine volle u. einheitliche Aufgabe wird Sie erfüllen. Ach, wie ich das fühle u. wie mich diese Aussicht glücklich macht.
Daß nicht alles leicht ist bei diesem Wechsel, darüber mache ich mir
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| keine Illusionen. Aber es ist Neuland, das Sie gestalten, u. es liegt glatt u. ohne drückende Vergangenheit vor Ihnen. Mein lieber "Außerordentlicher", möge der Segen des Himmels mit Ihnen sein, mög all die helle, sonnige Kraft aus Ihnen strahlen, die ich so liebe vom ersten Sehen an! Ich denke an die liebe Mutter, wie glücklich sie wäre. Nun geht es ja weiter empor in ruhiger Sicherheit u. all das heiße Ringen war nicht umsonst.
Froh u. dankbar u. glücklich
Deine Schwester.

Lassen Sie michs ja rechtzeitig wissen, wenn ich zum erstenmal "Herrn Professor" schreiben darf! Herzliche Grüße, auch an Ihren Vater.