Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. September 1911 (Cassel)


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Cassel. 13. Sept. 1911.
Geliebter Bruder.
Eben habe ich zum ersten Mal u. mit großer Andacht den "Professor" aufs Couvert geschrieben. Daß es nun wirklich, wirklich so weit ist! Sie schreiben in Ihren lieben Zeilen - herzlichen Dank dafür - nicht, ob Sie definitiv abgeschlossen haben, aber es scheint doch so. Warum hätten Sie auch zögern sollen, da alles so glatt ging. Offenbar hat man Sie also schon lange in Aussicht genommen u. gründlich besehen gehabt, ohne daß Sie es wußten. Und da ist man zu dem Schluß gekommen, daß man gut daran täte, u. hat einmal das Knausern gelassen. Man fühlt, Sie verdienen es, u. so ist jetzt doch
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| einmal wieder in dieser Welt des Zufalls etwas nach Verdienst u. Würdigkeit gegangen, ein Ziel errungen nur aus eigner Kraft! Ach, wie gerne möchte ich sehen können, ob Sie nun wohl recht strahlend u. glücklich aussehen!
Es ist seltsam, daß ich nach den langen Zeiten immer neuer Sorge ordentlich schwer an dies Glück glauben konnte. Dies lange Warten u. Zweifeln hatte mir alle Zuversicht genommen u. ich hatte schreckliche Angst, daß alles in nichts zerrinnen könne u. es dann schlimmer wäre, als vorher. Aber nun ist ja wirklich alle Not zu Ende.
Jetzt heißt es vor allem für Ihre Gesundheit sorgen u. die Dinge so zu ordnen, daß Sie mit Behagen darin leben können. - Tun Sie
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| doch ja alles, daß die Rotweinkur bald aufhören kann. Wenn die Erregung nun vorbei ist, wirds doch hoffentlich von selbst besser. Aus lauter Sympathie nährte ich mich auch bereits von Thee u. Zwieback, aber die geeignete Lebensweise hilft mir immer sehr rasch. Und dann die Freude! Das ist das beste Heilmittel. Ich lag zu Bett, als Ihr Telegramm kam - (die Drachen kringelten sich nur so vor Vergnügen darüber) - u. ich wurde augenblicklich gesund. Heut bin ich noch etwas katrig, aber sehr, sehr froh.
Ich kann es so mitfühlen, wie die ganze Welt nun wieder ein andres Aussehen für Sie hat. - Was sagt Ihr Vater nun zu diesem allen?
Von Aenne hatte ich heut einen längeren Brief, leider mit
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| wenig gutem Bericht über das Befinden der Mutter. Sie wollten gestern abend von Würzburg zurück sein; da höre ich hoffentlich bald, ob die Reise gut vorüberging. Zu Haus fanden sie dann Ernst Schwalbe als Logirgast. Sie fragt an, wann ich zurückkomme. Da Sie nichts mehr von einem Zusammentreffen schreiben, muß ich wohl annehmen, daß Sie den Gedanken aufgegeben haben? Ich wüßte es gern, weil ich nun doch dann einmal wieder nach Heidelberg muß, eventuell anfangs nächster Woche.
Ist dieser erstaunliche, sonnenreiche, außerordentliche Sommer nicht nun doch noch ein guter gewesen? Wenn ich zurückblicke, so ist mir, als wenn eine Dunkelheit nach der andern zurückwiche vor einem stillen, klaren, sicheren Licht. So wollen wir in die Zukunft sehen, in der Gegenwart leben - nicht wahr?
In treuer Liebe Deine Schwester