Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. September 1911 (Cassel)


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Cassel. 14. Sept. 1911.
Lieber Freund.
Die Post macht eben gute Geschäfte an mir! Aber reden wäre natürlich viel besser. Was ist da zu machen? Natürlich muß ich nun auch mal wieder nach Heidelberg u. an die Arbeit. Aber Sie wissen ja, daß das bei mir nie so an fest begrenzten Terminen hängt, wenn ich nicht bestimmte Schüler habe. Bei Port kann ich heute so gut wieder anfangen, wie in 14 Tagen. Das geht nachher den ganzen Winter hindurch. Nun hatte ich vor, hier am nächsten Dienstag fortzufahren, um vorher noch der Tante helfen zu können, die 2 Zimmer tapeziert bekommt u. also in diesen Tagen
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| noch viel Kramerei u. Mühe hat. Eventuell wären wir auch schon Montag fertig. Aber wenn wir einmal den leichtsinnigen Streich machen, dann wollen wir ihn doch auch so ausgiebig wie möglich einrichten u. es ist wohl besser, ihn bis zum nächsten Donnerstag zu verschieben. Ich könnte Mittwoch nach Halle fahren - vorausgesetzt, daß man mich dort brauchen kann, - u. Donnerstag um 11 Uhr 8 in Leipzig sein. Sie kämen ja wohl 11 Uhr 6 an? Dann hätten wir Zeit bis Freitag abend um 6 oder 7, je nachdem, u. ich bliebe den Samstag in Halle, Sonntag in Cassel, Montag in Heidelberg. Was meinen Sie dazu? Ihre Bemerkung, daß ich "nein" sagen solle, macht mich stutzig. Denn natürlich ist es mein lebhafter Wunsch, Sie zu sehen u. die Stadt kennen zu lernen, in
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| der Sie leben werden. Vielleicht fänden Sie es aber übertrieben u. leichtsinnig von mir? Sie machen öfters solche Bemerkungen, u. ich weiß nicht immer, wie weit das Scherz ist! Übrigens ist ja aber der Plan diesmal garnicht von mir ausgegangen. Und dann, wie oft im Leben habe ich schon die Erfahrung gemacht, daß ich mich aus lauter Vernunft u. übertriebener Gewissenhaftigkeit um etwas brachte, was mich dann reute, während andre in munterem Leichtsinn den Moment benützten u. auch wohl besser daran taten. Es giebt so viel Schweres u. Unmögliches, warum soll man sich das Mögliche nicht gewähren? Finden Sie das nicht auch, lieber Freund? Schreiben Sie mir ehrlich, was Sie denken.
Sonst bin ich bereit zu kommen, wie ich oben schrieb. Gut aber würde
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| ich es finden, wenn Sie dann doch bereits eine Annonce einrücken ließen: 2 große, gut möblierte Zimmer in Privathaus, eventuell mit Pension; Angebote mit Preisangabe unter Chiffre - - postlagernd. Man hat dann doch eher ein Urteil, u. Anhalt für Preise, Lage etc.
Jedenfalls kann ich bei Lili Sch. auch über Leipziger Verhältnisse allerlei erfahren. Ihre Schwester ist dort an einen Mediciner Prof. Dölken verheiratet. Außerdem sind Trendelenburgs, Rabls noch dort. Ich kenne die aber alle nicht näher. - Haben Sie einen Stadtplan? Könnten Sie ungefähr die Gegend für die erwünschte Lage angeben? - Hier geht alles gut, wenn auch augenblicklich etwas dreckig durch die Tüncher. Ich sage Ihnen, "Ihr" Stübchen sieht arg aus! u. das Eßzimmer nicht minder. Aber dann wirds bildschön! - Die Leute hier reden mir zu, zu reisen u. ich möchte wohl. Aber Sie haben mich bedenklich gemacht mit Ihren vielen Gegengründen.
<li. Rand>
Viel herzliche Grüße! Ihre vernünftige - unvernünftige Schwester.

[li. Rand S. 3] An Lili Scheibe schreibe ich, daß ich möglicherweise durchkäme, ob ich dort bleiben kann?