Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. September 1911 (Cassel)


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Cassel. 24. Sept. 1911.
Lieber Freund.
Die Eindrücke von Leipzig lassen mir keine Ruhe. Es ist weniger die Schwierigkeit der Wohnungssuche, als Ihr Befinden, was mir Sorge macht. Ich habe unausgesetzt überlegt, was man tun könnte, u. habe hier mit Tante u. dem Onkel beraten. Und so komme ich nun mit einem Vorschlag, zu dem ich Ihre Genehmigung erbitte. Es ist das Wichtigste u. durchaus Notwendige, daß Sie möglichst gesund die neue Tätigkeit antreten. Da müssen diese paar kurzen Wochen möglichst dafür ausgenützt werden. Ich habe an Tante Grete geschrieben, daß ich am Dienstag wieder bei ihr er
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|scheinen werde u. dann wiederum Ihre Pflege in die Hand nehmen möchte. Es müßte dann mit strenger Diät u. sorglichster Ernährung durchgesetzt werden, daß Sie wieder in Ordnung u. zu Kräften kommen. Ich werde wieder für Sie kochen etc.- Bitte, keine Widersetzlichkeit, lieber Freund, weder gegen meinen Plan, noch gegen meine Anordnungen. Sie wissen, was auf dem Spiele steht, wenn Sie nicht aushalten könnten. Und daß da eine Nachhülfe nötig ist, ist doch wohl ohne allen Zweifel.
Ich habe mich bei Port entschuldigt, u. um Urlaub gebeten, habe mich bei Aenne abgemeldet, kurz es ist alles abgemacht. Ich schreibe Ihnen dies nur, damit Sie nicht erst Briefe nach Heidelberg schicken, u. um die Beratungen über Wohnung
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| etc. dann mündlich fortsetzen zu können. Wegen der Wohnung dächte ich eigentlich, so etwas wie die Fockestr. findet sich immer noch. Vielleicht hören wir doch noch was Besseres.
Glauben Sie mir, ich hätte keine Ruhe, Sie jetzt so ungenügend versorgt zu wissen. Denn für einen gesunden Menschen mag ja ausreichen, was die Antonie besorgt, aber nicht für einen, der Erholung braucht. Dann kann ich wegen der Wohnungen schreiben, kann packen, kurz, mich nützlich machen. -
Ich hätte nicht erst von Halle hierher fahren sollen, aber ich konnte allein zu keinem Entschluß kommen, weil ich immer fürchte, zu impulsiv zu sein. Aber sie raten mir hier alle so zu, daß ich ganz beruhigt bin. Nun seien auch Sie einsichtig,
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| u. lassen Sie uns die Möglichkeit ausnützen, so sehr es geht. Denn es gilt ja, den Anfang zu gewinnen, u. eine geordnete, sichere Stellung zu gewinnen. Das darf nicht wieder mit Überanspannung geschehen, sondern unter so normalen Bedingungen, wie irgend möglich. Dann arbeiten Sie noch einmal so leicht u. was als Schwierigkeit schien, ebnet sich von selbst.
Also, wenn Sie können, holen Sie mich Dienstag 5.42 am Anhalter Bahnhof ab. Sonst auf Wiedersehen zu Haus.
Mit vielen herzlichen Grüßen
Ihre
Schwester.

[] Tanting grüßt auch, die andre sind schon weg.