Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Februar 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 8.II.12
Liebes Kind!
Ganz so dumm bin ich nun doch nicht. Aber vielen Dank für Ihren Rat und den von Frl. Knaps. Unbedingt anerkennen muß ich deinen, den Punkt, daß eine Neueinrichtung viel Zeit kosten und Unruhe bringen würde. Aber der finanzielle Punkt war mindestens der Überlegung wert. Denn ich habe hier aus einer Liste ersehen, daß die Wohnung in der Ferdinand-Rohdestr. 4 Zimmer für 1000 M hat und daß 3 Zimmerwohnungen in guten neuen Häusern (freilich nicht so nah) für 750 M zu haben sind. Wenn Sie berücksichtigen, daß ich jetzt mit Bedienung ca 1250 M zahlen sollte, so sehen Sie, daß das Mädchen fast dabei herauskommen würde. Wirtschaftsgeld ohne Gas, Heizung, Trinken, Wäsche etc. würde auch nicht mehr als 3,30 M machen. Bliebe also nur die Einrichtung. Das Schlafzimmer
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| hätte ich von Berlin übernommen, wenigstens z. großen Teil, da dort Betten doppelt und Schrank leer. Die Einrichtung hätte ich vielleicht von Prof. Graf Vitzthum v. Eckstädt, der nach Kiel berufen, billig übernommen. Er wohnt Kronprinzstr. 13 in guter Lage u. Verbindung 3 Zimmer Ap. für 750 M.
Aber das ist alles überflüssig zu erwägen; denn ich bin jetzt entschlossen, vorläufig zu bleiben. Meinen Brief an die Wirtin habe ich freilich so gefaßt, daß ich mir die Pension auf 3,30 erhöhe, hingegen für die Wohnung auf Grund nachträglicher Einigung nur 1110 statt 1080 pro Jahr zahle. Die Preise sind für hier ohne allen Zweifel teuer. Bedenken Sie doch, daß die Zimmer nur mäßig möbliert, daß man mir selbst einen mehr geforderten Stuhl nicht stellen konnte, daß für ca 100 M Möbel bereits mir gehören etc. Sehr wichtig ist und bleibt, daß ich mit Lage, Ruhe, Bedienung sehr
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| zufrieden bin. Also Schluß dieses Kapitels.
In Berlin fand ich diesmal zu Hause alles normal; das Mädchen verträgt sich mit m. Vater, und ich diesmal auch mit ihm. In Neubabelsberg (Scholz, Bruhn, Dr. Sauerbeck) war es nett wie immer. Wegen Ludwig war ich bei dem gemeinschaftlichen Freund Dr. Hesselbart, der auf alles einging. Meine Sorge erwies sich erfreulicherweise als halb unbegründet; denn als ich gleich darauf mit der Mutter sprach, hörte ich, daß die gefährliche Neigung so gut wie überwunden. Er selbst war auch verändert, nur mit der Gesundheit noch nicht voll zufrieden. Es ist auch gar kein Zweifel, daß sein Nervenleiden einen sehr schweren Charakter hat, der vieles Ernste für die Zukunft befürchten läßt. Wir beide waren dann bei Ulrich Zymalkowski, der im Hedwigskrankenhaus mit schwerem Gelenk
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|rheumatismus lag. Nieschling u. den Registrator traf ich nicht an.
Ich lege hier alles auf die Uhrsendung bezügliche bei. Meine Antwort war an einigen Stellen verbessert. Außerdem finden Sie eine Recension von G. Jacoby, die freundschaftlich sein soll, mich aber agitiert, weil sie auf Unfähigkeit beruht. Meine Erwiderung würde betonen I) daß mein Buch, "W .v. H. u. die H." heißt, daß außerdem aber historische Auffassung ohne Entrollung der ganzen Zeit nicht möglich ist. 2) die ästh. Zeichentheorie kennt Jacoby nicht. Jeder Kenner aber kennt sie in dem Rahmen, wie ich Sie benutzte. Nachweise strömen nur so zu. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir Ihre Ansicht sagten, ob ich diesem Mann, der ein empörendes Machwerk unter dem Titel "Herder als Faust" hat erscheinen lassen, über den Mund fahren soll; ferner wenn
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| Sie Zeit hätten, mir aus den Kapiteln Chiffreschrift d. Natur u. Humboldts Ästhetik I u. II. die Stellen herauszusuchen, wo ich die Zeichentheorie namentlich erwähne.
In Berlin waren am Montag früh -20°; hier heute minus [über der Zeile] plus 10°; aber bei so herrlicher Frühlingsklarheit, daß alles in mir auflebt und jauchzt. Ich bin wirklich einmal wieder heiter gewesen. Sonst habe ich sehr viel zu tun; aber eigentlich nicht so viel, wie ich erwartete, weil Dissertationen u. Examina fast ganz ausbleiben. Das hat dann freilich die Kehrseite, daß meine Einnahmen ein bedeutendes Minus aufweisen. Von den Ausgaben kann ich das leider nicht sagen. Am Montag war ich bei Magnificenz u. lernte in Magnifica die erste L. ger Frau kennen, mit der man sich unterhalten kann: eine feine u. menschliche Natur. - Ich arbeite sehr
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| viel fürs Kolleg, das mir täglich leichter wird, wenigstens die Pädagogik; und der Erfolg ist sichtlich ausgezeichnet. Auch in den Übungen ist brennendes Leben von Stunde zu Stunde. Ein Grieche aus Konstantinopel ist mir näher getreten; andre beobachte ich mit Interesse. Am Sonnabend spreche ich im Pädagogenverein über "Unterrichtsschule, Arbeitsschule, Lebensschule". Heute habe ich das erste mündliche Examen unter dem Vorsitz des grimmen Geheimrat Müller abgenommen. Er war ganz nett u. alles klappte.
NB. ist eine definitive Wohnungssuche hier schon deshalb nicht ratsam, weil ich selbst es nicht für ausgeschlossen halte, daß man mich, wie Gerüchte und Gerede sogar, als ord. nach Berlin zurückrufen könnte. So wenigstens schrieb mir ein alter Bekannter, dessen hübsche junge Frau übrigens ihm ausgerückt war.
Daß Ihr Selbstbewußtsein durch meinen
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| Brief dauernd gestärkt ist, ist mir eine wirkliche große Freude. Das gehört sich so. Denn wenn ich auch glaube, mit aller Bescheidenheit aufzutreten, so weiß ich doch, wieviel geistiges und moralisches Proletariat um uns ist, wie viel Kleinlichkeit und Flachheit. Und dahi davor wollen wir doch gewiß keine Verbeugung machen. Sehen Sie den Gönner Jacoby - der Mensch hat nicht das mindeste Gefühl für die Tiefen des Lebens und reitet auf einem Gaul, als wäre er Primas von Deutschland. In solchen Dingen werde ich auch kurz und scharf. Hingegen glaube ich, gegen Kandidaten immer menschlich, pflichttreu und verständnisvoll zu sein.
Paulsens Aufsätze gehen noch immer durch die Korrektur. An den Kommata und Klammern der Bibliographie können die 4 Mitarbeiter wirklich wahnsinnig werden.
Das Semester ist bald zu Ende. Aber ich bleibe wahrscheinlich bis zum 7. hier.
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Meine Erfahrungen über Lamprecht sind jetzt so weit, daß ich ihn für einen völlig unzuverlässigen Menschen halte.
Warum zieht das "Rindvieh" von Ludwigshafen fort?
Verzeihen Sie die schlechte Schrift: ich habe eine verbrauchte Feder und bin eilig. Daher auch Schluß bis auf ruhigere Zeiten. Hoffentlich sind Sie jetzt wieder frischer. Mir bekommt die Gleichförmigkeit der Arbeit hier immer sehr gut.
Frl. Knaps bestellen Sie bitte m. herzlichen Dank für ihren frdl. Brief. Alles Gute in Liebe und Treue stets
Dein
Bruder.

[] N.B. der Bezug ist nicht verbrannt!