Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 23. Februar 1912.
Liebe Schwester!
Was ich Ihnen zum kommenden Festtage zu sagen habe, das habe ich schlechte Verse gebracht, aus denen Sie meine guten, treuen Wünsche herauslesen werden. Möge Ihnen das Leben auch unter dem Mikroskop betrachtet immer nur schöne Seiten zeigen: die Kunst ja lernten wir, es zu besiegen. Lassen Sie uns nahe und stark bleiben in diesem Bewußtsein. Gemeinsam AEI!
Meine Gaben sind klein wie immer: Sie erhalten von mir ein schönes Bild. Ich muß mir nun von vornherein alle Bemerkungen darüber verbitten; zunächst hoffe ich, daß Sie es nicht als ein Bild von mir betrachten werden. Sollten Sie es etwa vor diesem Brief angesehen haben, so wird es Ihnen einen Nasenstüber versetzen und sagen: "das ist nicht fein; so was werden Sie von mir nie sehen." Ich muß Ihnen aber doch eine
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| nähere Erklärung über diese Wahl geben: Ich habe das Bildnis täglich am Eingang der Universität gesehen, bin stehen geblieben und dann mühsam zur rechten Zeit ins Kolleg gekommen: Etwas so Anziehendes mußte ich besitzen. Aber die Sache hat noch einen tieferen Grund: Ridinger soll ein berühmter Kupferstecher sein; davon verstehe ich nichts. Hingegen hat das, was das Bild Ihnen zeigt, schon unsern großen Leipziger Gellert zu einem Gedicht begeistert. Möge es Ihnen dann ein Zeichen sein auch der Leipziger Poesie. Endlich aber möge es Ihnen von der guten Stimmung erzählen, in der ich mich befinde.
Denn das darf ich sagen, daß ich die letzte Zeit über recht gesund und zufrieden war. Von den Nerven war kaum etwas zu merken, die Arbeit ging gut und war sichtlich erfolgreich. "Ich will mich nicht rühmen" pflegt Lindau zu sagen; aber mein Kolleg über Pädagogik ist mir wirklich dies Semester ausgezeichnet geraten. Von allen Seiten höre ich Gutes darüber, u.
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| der Besuch zeigt es auch. Weniger zufrieden bin ich mit der Philosophie der Geschichte; aber das Urteil ist vielleicht subjektiv, und die Tatsache, daß auch hier neue Besucher sich eingefunden haben und bleiben, ist doch ein erfreuliches Symptom. Endlich die Übungen - auch sie sind auf einer erfreulichen Höhe. Das letzte Mal verliefen sie sogar so lustig, daß ich auf dem ganzen Heimweg immer noch gelacht habe. Der Spaßvogel bin ich natürlich selbst. Ein Referent, der seine Sache ausgezeichnet machte, sprach mit den höchsten Tönen der Begeisterung von dem Rektor Seinig in Berlin und wollte die Linie Pestal. Fröbel - Kerschensteiner ersetzen durch die Linie Pest. Fröbel - Seinig. Das Auditorium nahm die Sache etwas lächelnd auf; ich aber mit blutigem Ernst: "Gewiß, deshalb hat man auch in Preußen den Grundsatz "Jedem das Seinige." u. dgl. mehr.
Der Ausfall an Prüfungen wird insofern gedeckt, als ich dadurch Zeit fand, den Vortrag "Unterrichtsschule, Arbeitsschule, Lebensschule"
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| druckfertig zu machen. Materiell gerechnet bringt er 3 Dissertationen ein, nur etwas später. Der Vortrag hatte einen guten persönlichen Erfolg: ich sprach fast 1 Stde ohne 1 Notiz. Sachlich ist er, wie die Diskussion zeigte, in seinem Kern nicht ganz verstanden worden, um so besser, daß er gedruckt wird. Im übrigen spielte ich auch während der Fidulität eine reputierliche Person. Zum ersten Mal erlebte ich es, daß das Vivat academia, vivant professores mit Beziehung auf mich stehend gesungen wurde.
Ein großes Thema hätte ich eigentlich noch zu erörtern: nämlich die von mir selbst deutlich bemerkte Tatsache, daß meine philosophischen Überzeugungen in einer erheblichen Umbildung begriffen sind. Ich habe aber diesen Brief auf 2 Stunden unterbrechen müssen, weil mich plötzlich mein griechischer Student aus Konstantinopel, H. Stavros Emmanuel, besuchte, eine mir sehr liebe Erscheinung, ähnlich wie Coss. Ich bin mit ihm immer mitten in den höchsten und einfachsten Dingen. Er hat, wohl ohne Schuld seiner Abstammung, wirklich etwas von griechischer Harmonie u. Grazie in sich. Seine Bekanntschaft
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| ist mir ein Gewinn; und das will etwas sagen, da ich Besuche nach 9 eigentlich nicht liebe. - Aber jene philosophischen Dinge muß ich ohnehin mündlich mit Ihnen besprechen: sie gäben eine Abhandlung statt eines Briefes, und dazu hätten Sie gerade am 25.II auch keine Zeit. Nur so viel: Es muß eine Beziehung unsrer Werte und Erlebnisse auf einen wesenhaften Gehalt der Welt geben, man nenne das "normativ" oder Metaphysik. Münsterbergs "Mensch Philosophie der Werte", so wenig ich sie anerkenne, hat mir doch einen Anstoß gegeben.
Es gäbe noch tausenderlei zu berichten; aber brieflich geht es größtenteils nicht, und ich hoffe, daß Ihnen mein Vorschlag eines Zusammensein in Cassel um den 15.IV herum (so daß ich dann zum Semester nach Leipzig fahre) recht ist. Hoffentlich gibt auch die verehrte Tante ihre Einwilligung dazu.
Von Hermann erhielt ich einen Separatabzug, der mich interessierte. Sachlich sehr richtig, aber warum diese schauerliche Form?
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Was ist aus der Angelegenheit der Frida Pütter geworden?
In Ch. geht es gut.
Es ist fast Mitternacht und ich will für heute aufhören. Morgen Abend bin ich beim Juristen Jäger. Am Sonntag aber bin ich zur Feier des Tages ganz frei, und wenn auch mancherlei zu tun ist, so werde ich mit den Gedanken nicht bei der Sache, sondern bei Ihnen sein.
Obwohl ich der Ansicht bin, daß der künstlerische Wert des "Bildes von mir" sehr hoch steht, erhalten Sie das diesmal fehlende Buch doch noch etwas später. Ich hoffe zu hören, wie Sie den Tag verleben und bin mit ganzer Seele und Sehnsucht dabei.
Alle guten Mächte mögen Sie, Geliebtes, ferner geleiten, uns beiden zum Segen.
In inniger Liebe.
Dein Bruder.