Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. März 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 7. März 1912.
Liebe Schwester!
Gewiß sind Sie schon ungeduldig, daß ich von dem mir freundlichst gesandten ebenso guten als brauchbaren Briefpapier keinen Gebrauch mache. Aber ich wollte erst die Eßwaren verzehren - die schönen Biskuits und den immer noch so schweren Kuchen der verehrten Tante. Außerdem habe ich möglichst konzentriert gearbeitet, um morgen zum philosophischen Abend bei Riehls sein zu können. Wirklich ist das meiste fertig, ich habe nur noch allerhand Praktisches zu erledigen und erwarte dann den unersetzlichen Famulus zum Packen. Aber ich muß Ihnen doch noch von hier aus danken und einen Gruß vom Schluß des so gut verlaufenen Semesters senden, wenn auch nur kurz.
Enttäuscht hat es mich, daß Ihnen
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| die tiefe Poesie meines Bildes keinen so zarten Eindruck gemacht hat wie mir. Man muß sich eben "hineinfühlen".
Was Sie Frau Paulsen geschrieben haben, ist ganz in meinem Sinne. Ich habe ihr am Sonntag ebenso geschrieben - es war der 10. Brief an jenem Tage.
Hübsche Gesellschaften hatte ich noch: bei Lamprecht, den ich psychologisch zu analysieren beginne, sang der Thomaner-Knabenchor einige Lieder. Alle netten Leute fand ich dort wieder, und überdies einen Gipfel der Menschheit - den kommandierenden General. Am Sonntag bei Köster war eine sublim - ästhetische Gesellschaft mit vieler guter Musik. Beim Physiker Wiener war es ebenfalls sehr nett, dort feierte man den 1. Direktor der Berliner Forschungsinstitute, den liebenswürdigen Chemiker Beckmann fort.
Soeben habe ich noch 5 Staatsarbeiten gelesen. Die beiden letzten Doktorkandidaten waren bereits durchgefallen, als ich kam (v 30 M ohne jede Arbeit.) An Kolleggeld habe
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| ich in diesem Semester bar nach allen Abzügen ca 1800 M eingenommen; auch waren noch einige Prüfungen, so daß ich reichlich versorgt bin, um in Berlin wieder alles auszugeben.
Am Sonntag wird Ännchen Runge eingesegnet, so daß ich gleich wieder ins Reisen komme. Heute ist Ludwigs Geburtstag. Über ihn hat mir Ulrich einen langen Brief geschrieben, der in den Satz zipfelt: "Du lebst in eine so viel schöneren Welt als wir, daß dich dir schon gefährlich scheint, was uns kaum Angst macht."
Etwas Angst macht mir nun doch die Reise nach Berlin. Ich gehe ungern von hier weg, obwohl ich mich auf den Wald und manche befreundete Seele freue.
Jetzt ist hier die Hochflut der Messe, ein höchst merkwürdiges Straßenbild, von dem ich Ihnen erzählen werde.
Ich nehme eine ganze Kiste Bücher zur Arbeit für das Kolleg mit. Außerdem muß ich an den Diltheyvortrag gehen und hoffe auch zu dem schönen Aufsatz zu kommen,
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| dessen Titel ich Ihnen nicht sage.
Hier sind die Knospen schon weit; man geht im Sommerüberzieher.
Des fröhlichen Verlaufs am 25.II habe ich mich herzlich gefreut. Den beiliegenden Bildern habe ich nicht viel Geschmack abgewinnen können, doch hat mich das nicht überrascht bei der schauerlichen Zubereitung s. Z.
Wenn Sie mir nach Ch. schreiben, so setzen Sie bitte hinzu: nicht nach Leipzig senden. 1 Mädchen hat sich hier bei mir vorgestellt, ganz unbrauchbar, ein andres habe ich veranlaßt, sich in Ch. vorzustellen. Im ganzen glaube ich, daß wir vor dem 1.IV keins bekommen, und gehe in der sicheren Erwartung nach Berlin, die Vorgänge von Weihnachten in neuer Auflage zu erleben. Wenn ich dadurch nur nicht wieder aus dem Gleichgewicht komme!
Viele innige Wünsche und Grüße
Ihr ganz zufriedener
Eduard.