Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. März 1912 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 13. März 1912.
Liebe Freundin!
Ich bin nun seit 6 Tagen wieder in Berlin und empfinde die angenehmen wie die störenden Seiten mit der Deutlichkeit, die durch Distanz und Kontrast hervorgehoben wird. Stete Unruhe, tagsüber Jagd, abends nicht zur Hälfte mit dem Geplanten fertig, das ist wiederum die Signatur. Aber ich will ganz episch verfahren.
Freitag Mittag kam ich an; nachm. fuhr ich nach Neubabelsberg, wo ich Bruhn, Scholz u.a. sah. Es war befriedigend und schön wie immer. Am Sonnabend vorm. war ich bei W. Böhm. Ich werde in den nächsten 3 Wochen noch 6 Stunden Ethik (Religion) in der 1. Klasse geben, u. 14 Tage je 2 Stunden mich in der IX. Klasse versuchen. Beides ist mir interessant. Ethik fasse ich natürlich nicht philosophisch, sondern rein religiös, und baue mir das Ganze selbständig auf. Die IX. Klasse soll mir praktische Erfahrungen im Plastilinformen,
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| das ich eben theoretisch behandelt habe, vermitteln. - Nachher war ich beim Pastor Köhler und dann beim alten Böhm der eine Flasche Wein aufmachte und immer redseliger und gemütlicher wurde. Das waren wirklich schöne Stunden. Nachm. war ich erst bei Dr. Thiele dann bei Frl. Ströhmann, die ich beide nicht traf, schließlich bei Knauers. Am Sonntag war ich zur Einsegnung. Der geistliche sprach sehr gut. Hinterher habe ich im Hause bei Tisch gesprochen. Im ganzen muß ich sagen, daß mir dieses Ännchen von allen Runges am wenigsten gefällt. Ich muß sie mir mal gelegentlich allein vornehmen. Nachmittags habe ich an dem Diltheyvortrag gearbeitet, der mir wieder eine der fatalen und unlohnenden Verpflichtungen zu sein scheint. Denn das Unternehmen ist schlecht organisiert. - Montag war ich auf der Bibliothek. Nachm. erst auf dem Kirchhof, dann bei Ludwig, wo die Gesundheit wieder sehr schlecht steht. Ulrich, dessen Brief Sie mit Recht kritisieren, ist der gutartigste, aber auch unerhörteste Querkopf der Welt, der meine guten Absichten durch seinen Quatsch eher hindert als fördert.
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| Jedenfalls wird ein baldiger Urlaub nötig sein. Dienstag hatte ich die ersten Stunden bei Böhms, wo ich für m. ethischen Erörterungen zunächst noch keine Basis fand. Nachmittags war ich erst bei Lasson [über der Zeile] (Friedenau.) zum 80. Geburtstag, dann auf Erkundigungsreisen wegen einer Wirtschafterin am Anhalter Bhf.
Damit komme ich auf diesen Punkt. Daß das jetzige Mädchen fort muß, ist wirklich zu bedauern. Denn zwischen ihr u. m. Vater ist ein so ausgezeichnetes Verhältnis, daß ich nur immer staunend dabei stehe und zusehe, wie sie es macht. - Auf Annoncen habe ich mannigfach geschrieben; diejenigen aber, die sich vorstellten, waren unbrauchbar. Wie vorsichtig man sein muß, zeigte nur ein Fall: Mein Vater war schon dicht daran, sich für eine Witwe zu entscheiden, die mir garnicht gefiel. Ich forderte Referenzen und die Auskünfte fielen an 2 Stellen so aus, daß deutlich zu erkennen war: wir wären in die Hände einer Hochstaplerin geraten. Ich habe nun veranlaßt, daß das jetzige Mädchen noch bis zum 1. April bleibt, dann
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| ist die Auswahl größer, und man kann mit Besonnenheit wählen. Ein ekliger Fall.
Heute Vormittag kam ich zum ersten Mal ein wenig zum Arbeiten. Nachm. kam m. Tante Pauline, dann war ich bei Nieschling, und eben um ½ 9 kam noch Oesterreich, der am 23.III. heiratet. Diese Störung meiner Arbeitsabsichten hat meine Stimmung so beeinflußt, daß Sie schon den ärgerlichen Ton entschuldigen müssen. Sie machen mir stille Vorwürfe, daß ich nicht eingehender schreibe. Ich weiß nur, daß ich an andre schon gut seit 3 Monaten von Tag zu Tag schreiben zu können hoffe, aber nicht dazu komme. Wie soll ich das machen? Erst in späten Abendstunden komme ich zu einem kurzen Bericht. Wollte ich auf ein einziges Thema näher eingehen, müßte ich Stunden haben. Es ist eben nicht möglich, und hier in Berlin noch weniger als in Leipzig. Wenn ich nicht bis zur Reise nach Cassel die Grundzüge des Kollegs fertig habe, bin ich im Sommer im höchsten Gedränge. Es ist aber gar keine Aussicht, daß ich hier vorwärts komme; denn die meisten Tage sind schon besetzt, mit notwendigen und nicht immer angenehmen Verpflichtungen.
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Ich werde Ihnen in diesen Tagen einiges schicken. Darunter eine Abhandlung von Sauerbeck, Mitglied des phil. Abends bei Riehl. Diese bitte ich Sie zu lesen und mir bei unserm Zusammensein zu erläutern. Ich habe keine Zeit, mich so eingehend damit zu beschäftigen, wie mich die Sache eigentlich interessiert.
Die "Deutsche Rundschau" verlangt eben von mir einen Artikel zu Wundts 80. Geburtstag bis zum 15. Juni. Ein Docent in Liverpool will etwas von Humboldt übersetzen. Jeden Augenblick kommt einer, der mich sprechen will. In Leipzig habe ich m. Sprechstunden, u. wenn auch in der letzten 17 Leute waren, so bin ich dann eben die übrige Zeit frei.
Ich habe Kopfschmerzen u. kann heut nicht mehr schreiben, denn ich habe nichts mehr zu trinken. Vielleicht morgen noch ein Wort. Für heute Gute Nacht.