Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. März 1912


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Alleen, Park und Ufer singen leise
Vergangner Zeiten still verwandte Weise:
Geheimes Werden breitet wunderbar
Verschlungne Wege des Geschickes dar.
O Schloß und Park! Es rauschen eure Winde
Voll Sehnsucht, Qual und tiefster Seelenlust!
Sie wecken eurem spätgebornen Kinde
Gedankenstürme in der stillen Brust:
Warum nicht wandl' ich mit den Lichtgestalten
Der Tage, die ich, ach! so tief durchlebt?
Soll [über der Zeile] noch ein Neues machtvoll sich entfalten,
Ob noch vom See ein neuer Hauch sich hebt?
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Und ist es so, und muß ich ihn vollenden,
Den neuen Weg, den ihr noch nicht verspürt,
So sei es an der Freundin treuen Händen,
Der Weg vom Schloß, der zu der Hoffnung führt.
O selig Schloß! Es herrscht in deinen Räumen
Noch einmal eine hohe edle Frau,
Und weckt Dich aus uralten Märchenträumen
Und webt Dir einer Zukunft stolzen Bau,
Sieh', aus dem Perlenkranz von Menschentränen
Und aus den Quadern herber Willenskraft! –
Noch einmal schreiten wir mit tiefem Sehnen
Den Weg vom Schloß zur Hoffnung heldenhaft!
Zur Erinnerung an unser Tegel
Eduard.
Frühlingsanfang 1912.