Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. April 1912 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 3. April 1912.
Liebe Freundin!
Die Tage strömen hier nur so dahin, Ostern kommt näher, und die Vorzeichen des Semesters mehren sich. Trotz alles Bemühens habe ich nicht viel schaffen können, die notwendige Zahnbehandlung habe ich, halb aus Energielosigkeit, wieder verschoben, und viele notwendige Besuche sind noch unerledigt.
Sie werden gelesen haben, daß Münch gestorben ist. Ich habe ihn noch wenige Tage vor seinem Tode gesehen und er soll nach meinem Fortgang zu seiner Wirtschafterin gesagt haben: "Das war mir ein lieber Besuch." Ich war auch zur Beerdigung, wo ich viele alte Bekannte sah. Allgemein (vom Rektor, mit dem ich zurückfuhr) abwärts) knüpfen sich daran mich betreffende Kombinationen, die aber als verfrüht vorläufig nicht zu beachten sind.
Ich werde Ihnen davon und von manchem
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| andren erzählen. Freilich, je näher der 15. rückt, desto mehr drohende Wolken sammeln sich auch. Die Wahl des Mädchens scheint nicht besonders glücklich. Ich habe darüber ein unbeschreibliches Gefühl in den Knochen, was sich jedoch bezüglich Ihrer düstern Ahnungen dadurch unterscheidet, daß in meinem Fall die düstern Eröffnungen bereits erfolgt sind. Was bei der andern Zukunftshoffnung war, ist bei dieser bereits doppelt vorhanden, von andern Dingen zu schweigen. Damit will ich nicht sagen, daß ein erträgliches Verhältnis ausgeschlossen wäre. Aber mir ist so, als müßte ich am 15. kündigen, und dann könnte ich natürlich von hier nicht früher fort, als dienstlich erforderlich.
Andre Menschen verleben ihre Ferien in Rom, Florenz, Meran; für mich sind schon ein paar Tage südwärts nicht erreichbar.
Hoffen wir aber, daß unser Plan bestehen bleiben kann, so beschäftigen mich verschiedene praktische Fragen: In meine Handtasche kann ich die Sachen nicht bringen, die ich bis zum 20.IV.
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| früh (so lange kann ich bleiben) brauche. Den ganzen Koffer mit über Cassel schleppen, hat keinen Sinn. Aber auch mit der Wäsche komme ich nicht aus, da ein Teil noch in C. liegt, und vor allem (wenn nicht noch eine Honorarsendung eintrifft) nicht mit dem Gelde. Ich müßte also aus diesem Grunde am 15.IV erst nach Leipzig fahren und mein Gehalt für April erheben, könnte also wahrscheinlich erst Abds in Cassel sein.
Gestern war ich bei recht häßlichem Wetter zur Vermehrung meiner Erkältung in Neubabelsberg, vorher [über der Zeile] nachher muß ich zu Knauer. Die Schulstunden und Schulferien waren wieder sehr hübsch. Dahin gehöre ich nun doch einmal, und alles andre ist nicht halb so schön.
Die beiden Konferenzen über den Dilthey Nachlaß waren interessant, aber lang; die 2. dauerte 7 Stunden. Viel Positives ist nicht heraus gekommen. Gleich jetzt will ich Frau Dilthey schreiben, die auch bei mir angefragt hat.
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| Ich möchte diesselbe Sache nicht zweimal schreiben, und da noch nichts feststeht, was mich betrifft, so verschiebe ich den Bericht darüber.
Hoffentlich haben die Tante und Sie selbst bei diesem Rückschlag des Wetters nicht mit Erkältungen zu tun. Dies ist mein Hauptosterwunsch, denn ich werde wohl unmittelbar zum Fest nicht noch einmal schreiben können: Am Sonnabend will ich mir nämlich den 1. vollen Ferientag gönnen, um, diesmal leider ohne Sie, von Birkenwerder nach Bernau zu wandern: mit 3 Geschwistern Thümmel (3 Stück! 1/12 dzd. Bruder 1/6 dutzd Schwestern) und mit Bruhn. Von Ludwig höre ich nichts, ebensowenig von meinen anderen Freunden. Ich bin auch sehr vergraben in Probleme und werde nur durch Beantwortung der aus L. nachgesandten Briefe an andre Zwecke als das Lesen erinnert.
Den Sauerbeck lesen Sie mir sehr gründlich und eingehend, wenn er auch nicht "nach Ihrem Sinn" ist. Das sind die meisten Schriften nicht, die ich lesen muß. Viele herzliche Grüße an die hochverehrte Tante und sie selbst auch v. m. Vater! Innig Ihr Eduard.
[li. Rand] Wenn ich in Leipzig Zeit habe, werde ich das Schl. Ms. einstecken, aber bei dem gemeinschtl. Lesen (s. Hermersberg) <re. Rand> kommt nicht viel heraus.