Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. April 1912


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Sonntag, 28. April 1912. 6 Uhr abds.
Liebe Freundin!
Ich habe zwar, wie jeden Tag, heute schon 6 Briefe geschrieben u. außerdem seit 9 Uhr morgens mit 2 Stunden Pause gearbeitet - ein eintöniger Sonntag. Trotzdem will ich noch diesen Brief an Sie wenden.
Es ist mir immerhin auffällig, daß Sie die weißen Handschuhe vergessen hatten, nachdem Sie dieselben unrechtmäßig entfernt. Die schwarzen Westen hatte ich selbst im Schrank hängen lassen, weil ich sie im Sommer nicht trage. Mein Wirtstöchterlein suchte bei Ankunft des Pakets verzweifelt nach einer Blumenvase. Zarte Andeutung. Denken Sie meine Enttäuschung!
Für mein leibliches Wohlsorgen Sie ja ganz ausgezeichnet. Bei 2 Westen und einer Leibbinde werde ich wohl nicht frieren. Die letztere ist ausgezeichnet, und ich danke
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| herzlich dafür, daß Sie daran gedacht haben. Um auch die Tischlerfrage gleich zu erledigen, so habe ich mich jetzt beinahe anders entschlossen: Ich werde wohl ein drittes Bücherregal zwischen den vorhandenen anfertigen lassen, und den dann frei werdenen Wandschrank, der gerade die richtige Größe hat, mit 30 Fächern versehen lassen.
Eine sehr unangenehme Überraschung bereitete mir der Steuerzettel. Danach habe ich bis zum 15. Mai 586 M Steuern zu zahlen (für ab November) incl. Kirchensteuer, und am 15. September bereits die 2. Rate mit 490 M. Reklamation ist nicht möglich; denn ich habe mich ganz richtig eingeschätzt: was im Winter fehlt, geht im Sommer, wenn alles regulär verläuft, darüber.
Um auf tiefere Fragen einzugehen, wie sie Ihr lieber erster Brief berührt, den ich übrigens wohl schon vor Empfang beantwortet
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| hatte, fehlt es jetzt ganz an Zeit und Ruhe. Sie müssen da schon mit der Versicherung vorlieb nehmen, daß unsre Begegnung mir tief und schön wie jede vor der Seele steht und daß Ihr Bild mich hierhergeleitet hat, wo ich mich bis jetzt etwas einsam fühle. Ich hoffe, daß Sie gesund und glücklich im Port von Heidelberg eingelaufen sind, und daß der Vorstand Sie empfangen hat. Eine baldige Nachricht darüber ersehne ich hoffentlich nicht vergebens.
Daß ich mit m. Vorbereitungen in den Ferien (naturgemäß) nicht weit genug gekommen bin, macht sich doch fatal bemerkbar. Es ist eben unbeschreiblich viel zu tun, in einer Weise, von der Sie sich wahrscheinlich garkeinen Begriff machen können, und die nur bei völliger Selbstbeherrschung und sorgsam hygienischer Einteilung durchzuhalten ist. In m. 1. Sprechstunde habe ich 40 Leute empfangen, in den beiden folgenden je 20. Beide Vorlesungen, im größten Auditorium (450), sind gut begonnen. Die Pädagogik
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| war glänzend besetzt, die Phil. d. Gegenwart mehr als erwartet. Die Anmeldungen zum Seminar sind ebenfalls zahlreicher. Sehr peinlich ist mir die unerledigte Antrittsvorlesung, die mich immer wie ein Gespenst begleitet. Trotzdem habe ich gestern angefangen, eine 2stündige mathematische Vorlesung zu hören.
Alles wäre ganz gut zu schaffen, wenn nicht die unerhörte Korrespondenz wäre, Anfragen, Aufforderungen etc, jeden Tag 10 Antworten, meist Ablehnungen. Der Bibliothekar könnte auch geschickter sein. Schröbler ist unbezahlbar. Heute vorm. 5 Besuche gemacht, niemand getroffen.
Mein Vater schreibt wiederholt recht verstimmt. Die neue Person ist ihm nicht behaglich. Da ihr aber nichts vorzuwerfen ist, so will er sie auch nicht fortschicken. Er läßt vielmals grüßen. Sonst gäbe es noch tausenderlei. Wer kann das aber behalten. Nachher fällt's mir ein. - Einladung zur Hochzeit Scholz 21.V muß ich ablehnen (cf. Stundenplan.)
Viel innige Grüße statt alles anderen
Dein
Bruder

[] Gruß an den 2. Vorsitzenden.

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Montag.Dienstag.Mittwoch.DonnerstagFreitagSonnabend.
8-9PaedagogikPaedagogik.Paedagogik
9-10Phil. d. Gegenw.Phil. d. Gegenw.
10-11              ½}Sprechstunde
11-12Algebraische An.              ½}Alg. Analyse
12-1Alge
1-2
2-3
3-4Sprechstunde.
4-5
5-6
6-7
7-8
8-10                      ¾8–½10
Übungen.