Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Mai 1912 (Leipzig, Grassistr. 14)


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Leipzig, Grassi-str. 14.
Den 10. Mai 1912.
Liebe Schwester!
Diese Stunde (12–1) war reserviert für einen Brief an Sie. Ich komme aber nach 40 Min. Verspätung mit einem so kräftigen Ärger heim, und so werden [über der Zeile] daß Sie leider nicht viel Freude haben werden.
Denken Sie, bei einem Buchhändler sehe ich jetzt eben – nach 5 Wochen warten – meinen Wilhelm Dilthei! Tausendmal steht innen Dilthey, der Innentitel ist richtig, und auf den Umschlag habe ich also ein Ei gelegt. Ich
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| habe natürlich sofort telegraphiert, daß ich die Ausgabe verbiete. Aber die Buchhändler haben doch z. T. schon Exemplare u. anderwärts wohl auch. Natürlich wende ich alle rechtlichen Mittel an. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie bei bekannten Buchhändlern in Heidelberg den Schmarren aushängen sähen, wenn Sie dann den Mann darauf aufmerksam machen wollten, daß diese Ausgabe zurückgezogen werden soll. Es ist doch unerhört, was ich mit der Sache für Ärger habe. Und dabei habe ich am Inhalt meiner Schriften lange nicht so viel eigene Freude gehabt, wie bei dieser Rede.
Dies ist nun allerdings der einzige
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| schwarze Punkt in meinem Dasein. Sonst geht alles nach Wunsch, und wenn auch sehr viel kleiner u. kleinster Krempel mich absorbiert, so wirkt das Ganze doch zusammen zu einer befriedigenden Tätigkeit.
Meine Vorlesungen haben einen wie im Fluidum fühlbaren Erfolg. Bis jetzt haben die Pädagogik belegt 303, die Philosophie 124 (wird gehörig geschunden). Aber vielleicht ist es Ihnen sympathisch zu hören, daß auch ich großmütterliche Gefühle habe und seit dem Jahre 1910 mich über den Kollegbesuch nicht eher freuen kann, ehe die Sache nicht gesichert ist. Von diesem Gesichtspunkt aus kommt mir nun auch eine gewisse Zaghaftigkeit, die Sie verstehen und (vielleicht?)
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| billigen werden in folgendem Punkte: Ich fürchte mich etwas, durch 2 längere Reisen zu Pfingsten den Erfolg dieses Semesters in Frage zu stellen. Es liegen in den Kollegs ca 4000 M und darüber. Wenn ich die zurückzahlen müßte – das wäre ein schmerzlicher Fall. Wenn wir also dafür lieber im August recht schöne Tage hätten; so wäre unsre Geduld und der Verzicht auf 3 Tage jetzt belohnt. Nach Berlin muß ich nämlich. Mein Vater scheint sich doch sehr einsam zu fühlen, und bei diesem Alter ist da nicht viel Zusammensein aufzuschieben. Ich müßte also nach Berlin, von dort nach Heidelberg u. spätestens Sonntag nach Pfingsten zurück. Außerdem aber muß ich in den Ferien die Antrittsvorlesung machen und noch [über der Zeile] die andren Kollegs
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| weiterbringen. Glauben Sie nicht auch, daß da der Katechismus der Vernunft wieder einmal Resignation fordert? Ich dachte dann in den Feiertagen hierzubleiben und von Mittwoch bis Sonnabend nach Berlin zu fahren. Sagen Sie mir ehrlich, ob Sie mich mißbilligen oder billigen.
Von der Tante habe ich einen lieben Brief; und ich denke täglich noch an Cassel. Es waren doch ruhige Tage, wie wir sie in H. jetzt kaum hätten. Innerlich haben sie mir wieder viel geholfen: ich bin in einer gleichmäßig zufriedenen Stimmung, nervös nur noch bei anziehenden Gewittern, nicht einmal vor dem Kolleg. Die "Philos. der Gegenwart" geht besser, als ich selber dachte: wird ein hübsch zusammenhängendes Bild, und ich habe
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| schon manche Stimme des Dankes gehört. Das dickste Brett sind diesmal die Übungen mit über 75 (also zu viel) Teilnehmern.
Eine Stunde habe ich mich frei gemacht u. war in Röthe zur Baumblüte. Hübsches Städtchen u. charakteristische Art (freilich nicht Werder), schöne Obstplantagen, aber Wald sumpfig und voll Knoblauch. Bisweilen stinkt hier der Frühling, der anderwärts duftet. – Auch mancherlei Geselligkeit steht bevor: Vor 8 Tagen bei dem Juristen Ehrenberg in 1 Jugendgesellschaft war es recht nett; wir improvisierten Charaden und ich mimte nacheinander einen Raubmörder und einen Pastor. Heute Abend bei Excellenz Binding wird es wohl ernster sein. NB. Bei Ehrenbergs
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| war auch ein jüdisch aussehendes, kleines Wesen, das auf den Namen (??) Bödi hörte und anscheinend die Tochter v. Düringer war.
Bisher war nur ein Doppelexamen, bei dem ein Kandidat leider abfiel. Auch der andre war nicht berühmt, er nannte einen Althumanisten Grebianus Rufus wahrscheinlich eine Mißgeburt [über der Zeile] aus Crotus Rubeanus u. Mutianus Rufus. Gleich jetzt muß ich zum Doktor, [über der Zeile] d.h. Examen; daher bald Schluß.
Wundt habe ich noch nicht gesehen, leider verfehlt. Bei einem Vertrag des Kollegen Wirth (Reaktionsversuche) machte ich den "Reaktionär" (bedeutende Talente.) Am Freitag d. 24. Mai hat der König Geburtstag, oder vielmehr akadem. Vorfeier für den folgenden Tag.
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Jetzt habe ich wohl bald den ganzen Waschkorb ausgekramt u. wahrscheinlich auch einige Fragen zu antworten vergessen. Die müssen Sie dann nochmal stellen, auf extra Fragebogen. Ich habe nur die eine dringliche: wie es Ihnen geht? – Sodann die, ob Sie wieder importiert sind, und was der Vorstand macht. – Ein paar kleine Novellen v. Münch habe ich mit Entzücken gelesen: er war doch ein feines Gemüt. Sein Schüler, der Dr. de Gruyter (= Georg Reimer) hat mich hier besucht – eine interessante u. erfreuliche Persönlichkeit. Sonst sehe ich nur Kaffeesachsen, einen Typus serbischer Art, so daß die westdeutschen Studenten jedesmal eine Freude machen. Obwohl ich knapp bei Kasse bin (nach dem Steuerwisch!) will ich doch nächstens mit 6 Mann Cottelette mit Spargel essen, in der Umgegend, sei es in Aztsch oder Etzch oder Itzsch oder Otzsch oder Utzsch. Der Kand. wartet. Meine innigen Grüße <li. Rand> Dein Eduard.
[Kopf] Mein Vater hat die Aenne besucht u. dabei Carl Ruge getroffen.