Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Mai 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 19. Mai 1912.
Liebe Freundin!
Briefe, die man des Morgens liest, pflegen einen Grundton für die Stimmung des ganzen Tages zu hinterlassen. Der Grundton, der mir von Ihren heute erhaltenen lieben Zeilen zurückgeblieben ist, hat etwas Quälendes, und ich will mich darüber sogleich aussprechen, obwohl die nächsten Tage sehr viel erledigte Arbeit fordern.
Wie verfehlt es ist, auf längere Zeit feste Pläne zu fassen, hat ja wieder einmal das Pfingstprojekt gelehrt. Aber es ist schön, sich in vorauseilenden Gedanken zu ergehen, und man kommt dadurch über die Zeit in kürzeren Etappen leichter fort. Genau so ist ja auch der August noch fern, und wer könnte Bindendes darüber sagen? Wenn Sie jedoch jetzt immer wieder betonen, daß Ihnen zu einer gemeinsamen Reise die Mittel fehlen, so
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| muß mich das, wie ich es auch auslege, etwas fremd berühren. Daß Sie mir s. Z. geholfen haben, ohne es eigentlich ganz in dem leichten Sinne zu können, wie Sie es versicherten, habe ich wohl gefühlt, und es ist mir schwer geworden; aber ich habe es gekonnt, nicht weil ich es mußte, sondern um unsrer Liebe willen.
Heute liegen die Verhältnisse äußerlich anders - also auch innerlich? Ich würde in der Lage sein, Ihnen im Sommer den ganzen Betrag zurückzugeben, ohne bis zum Dezember in Verlegenheit zu kommen. Aber ich habe darüber garnicht nachgedacht, eben weil das Semester noch nicht weit genug vorgeschritten ist. Hingegen erinnere ich mich, daß Sie früher davon sprachen, daß man den Augenblick genießen müsse, daß Sie nichts auf die Zukunft verschieben wollen. Hat sich denn nun etwas zwischen uns geändert? Sollen wir jetzt auf einmal eine Rechnung aufmachen und mit einander "abrechnen"? Das ist mir ein sehr schmerzlicher Gedanke, und diesen Grundton werde ich heut nicht los. Ich habe mir
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| gedacht, daß wir auch zusammen reisen könnten, wenn zufällig ich einmal etwas disponibel hätte. Das Ganze gehört ja doch Ihnen, wer es aus der Tasche nimmt, das ist doch herzlich egal. Wollen Sie darin strenger denken, als ich inzwischen zu denken gelernt habe, so würde mich das, wie Sie sich denken können, mit Recht verletzen. Denn was ich von Ihnen erfahren habe, erfährt ein Mann von meinem Charakter nur unter der Voraussetzung, daß dieses ganze Gebiet in den gegenseitigen Beziehungen nicht mehr zu den entscheidenden Realitäten gehört (Tellheim - Minna.)
Es hängt also doch nur von Ihrer Entscheidung ab: Sie können sagen: ich habe kein Geld zum Mitreisen. Dann lautet meine Antwort darauf: Also begleiche ich, da ich es im Moment kann, meine Verpflichtungen, und frage dann noch einmal. - Oder Sie erklären, daß die Finanzangelegenheiten künftig wie bisher eine gemeinsame Sache sein sollen, daß wir lieber ein paar Wochen zusammensein als auf ein schnelles "Auseinanderkommen" mit äußerer Rechnung bedacht sein wollen. Dann beraten wir darüber,
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Geht nicht abseitz!  Heidelberger!  Nicht knapsen!
                           Kauft Dilt - eier!
                             Stück. 1 M.
frisch, nahrhaft                                bekömmlich!
                   Wiederverkäufer billiger.
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wie ich die 2000 M, die ich voraussichtlich Überschuß haben werde, verteile (da ich selbstverständlich die Zinsen davon nicht mitversteuern will.)
Ihre Einwände kenne ich: Sie sagen, es liege nicht daran, sondern an dem Ausbleiben der regelmäßigen Einnahmen und am Rückgang der Papiere. Hierauf erwidere ich: als ich mit Ihnen in Ilmenau war, hatte ich auch keine Einnahmen; was damals ging, geht auch heute. Wir wollen dann beraten ob für den Winter nicht geeignete Pläne gefaßt werden können, vor allem aber auch die wichtige, neulich abgebrochene Frage, ob Ihre Papiere wirklich so sicher sind, wie selbstverständlich jeder von seinen Papieren glaubt (wo kämen sonst die Reinfälle her?) Reisen Sie nicht mit mir, gebe ich naturgemäß für mich allein den entsprechenden Betrag mehr aus, weil meine Lebensgewohnheiten dann andre sind. Und ich habe außerdem die Aussicht, die Einsamkeit, die ich hier unter den Amtsgeschäften ersticke, in den Ferien dann mit ganzer Gewalt zu fühlen.
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Dies alles ist mir eigentlich so selbstverständlich, daß ich das ganze Gerede für überflüssig halte und längst auf einen anderen Gedanken gekommen bin: Sie mückschen. Sie mückschen, weil im vorigen Jahr die Sache zur Hälfte verunglückt war, und weil Sie nun nicht wieder so leicht heran wollen. Darauf sage ich: Was in Ilmenau ging, muß doch auch anderwärts gehen. Der H. H. war Ihre Art, nicht meine Art. Lassen Sie mich diesmal die Vorschläge machen; dann können Sie nachher schimpfen, das ist mir sehr, sehr ernst. Ich schimpfe vielleicht mit und wir sehen weiter, wie von Braunlage. Außerdem liegt ja noch kein Plan fest; wenn Ihnen Hei Freudenstadt zu Heidelbergisch ist, so kann es an der russischen Grenze sein, an Ost- oder Nordsee, das wäre mir gleich: nur gesund und nicht stumpfsinnig, und so, daß wir beide frei sind, d. h. auch ohne den liebsten Dritten.
Und damit genug von diesem Thema.
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Himmelfahrt war ich in der Lösniger Waldschenke, um einen Ausflugsort für Studentengesellschaft zu suchen; dann von 3-9 bei luxuriösester, aber schöner gemütlicher Tauffeier bei Biermanns. Freitag Natorp, daß mir der Angstschweiß abging, und doch mit gutem Erfolg. Gestern Margeritentag, das ganze Rattennest wie verrückt, Unsicherheit auf den Straßen. 1 M für eine Tasse Kaffee, die ich nicht einmal bekommen habe.
Seit gestern habe ich nun auch das 3. sehr hübsche Bücherregal für 46,75, sodaß die ganze Wand jetzt eine Bücherreihe ist. Leider immer noch wenig Wertvolles dabei. Das Wandspind kann erst nach Pfingsten umgebaut werden.
Montag, Mittwoch, Donnerstag Examen.
Sonntag     Dienstag     Donnerstag     Gesellschaft
Salomon   SaloHölder, Volkelt
Freitag Königs Geburtstag. 8. Juni Antrittsvorlesung.
Herzliche Grüße an alle Kaffeeschwestern und viel Gutes von Ihrem
Sie mißbilligenden Bruder.
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Der Hund, der Verleger, hat mir jetzt 15 (oder gar 25) Freiexemplare zu wenig geschickt!)