Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Mai 1912 (Berlin/Marienfriedhof), Postkarte


<Poststempel: 29.05.12.>

Dämmriger Frühling; blütenschwer die Welt,
Und Vogelstimmen. Nur von ferne dringt
Der Weltstadt Lärm herüber, leichter Regen fällt
Und vom Vergangenen ist das Herz beschwingt.
Auf stillem Hügel treibt des Epheus Kleid
Frischgrüne Triebe. Und ein ernstes Wort,
Das einst hier fiel, rankt in die Ewigkeit
Sich wie der Epheu unvergänglich fort.
Wozu die Worte? Wer vermag zu sagen,
Was Blüten sind, was Gräber, was der Schmerz?
Steigt nicht aus solchen Friedhofs-Frühlingstagen
Ein schweigendes Vetrauen himmelwärts?
Marienfriedhof 29.V. 7 Uhr