Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Juni 1912 ( Charlottenburg 4, Pestalozzistr. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzistr. 9a.
Den 1. Juni.
Liebe Freundin!
Auf Ihre "Reklamation" habe ich inzwischen schon 3 mal kurz geantwortet. Ich wußte, obwohl ich verschiedentlich darüber nachgedacht habe, nun nichts Neues hinzuzufügen. Vielmehr bin ich gänzlich beruhigt. Es lag überhaupt kein Grund vor, meinen damaligen Brief als "vorwurfsvoll" zu bezeichnen. Er hat lediglich eine Tatsache festgenagelt, und hierüber haben Sie sich so erklärt, wie ich es gehofft habe, so daß ich also höchstens noch bemerken kann: es wird im Sommer so gemacht, wie ich es in den Umrissen geplant habe. Die Rückzahlungen werde ich (falls kein Zwischenfall eintritt) bei meinem Onkel beginnen, was mir allerdings aus manchen Gründen angenehm wäre, und einiges werde ich Ihnen, zunächst "zur Aufbewahrung" schicken, da ich in Leipzig vorläufig
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| keine größere Summe aufheben möchte. Wenn die Sache nun damit nicht erledigt ist, liebes Kind, so ist das Quengelei: Quengelei aber ist jetzt um so weniger erwünscht, als ich nervös äußerst reizbar bin und garnicht in sehr guter Verfassung. Die ungeheuren Anforderungen der nächsten Woche verursachen mir tatsächlich Beklemmungen. Denn wenn ich auch den Text der Antrittsvorlesung einigermaßen hier noch fertig bekommen werde, so bin ich doch mit den regelmäß. Vorlesungen u. Übungen noch nicht fertig u. habe außerdem 7 Staatsexamina. Eigtlch sollten 4 am Sonnabend v. 8-12 ohne Pause sein. Die A. V. macht mir wenig Freude, weil sie für den Laien zu kurz u. schwer werden muß. Außerdem ist es schwer, so intensiv zu denken, wenn alles Mögliche Äußerlich zu bedenken ist u. täglich 10 Postsachen zu erledigen. Hier fand ich es leidlich; das Mädchen gefällt mir in Ihrem Wesen zwar garnicht; Dienst aber wenigstens regulär.
Von Ferien war hier kaum die Rede. Am Do. vorm Reuther u. Reichard, Cotta. Am
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| Nachm. Schulausstellung im Abgeordnetenhaus. M. Onkel, der angemeldet, vergeblich erwartet. Abends geochst. Freitag früh Böhm. Nachm. 25. phil. Abend in Neubabelsberg, sehr schön. (Lindau, Scholz (sehr elend) Bruhn. Pflanzung einer Eiche u. 1 Kastanie.) Am Sonnabend, d. h. heute vorm: geochst. Jetzt will ich mit m. Vater nach Pichelsdorf. Morgen nach Kirchhof u. zu Ludwig. 3.55. Abreise. 7 Uhr Leipzig. Montag 8 Kolleg u. Examen.
Sehr wütend macht mich die Tatsache, daß ich von d. Societas Joachimica trotz alles Schreibens kein Exemplar bekommen kann. Bisher habe ich nur 5 erhalten; es fehlen noch 25. Riehl hatte es sich schon gekauft. Solche verbissene Wut ist mir immer sehr schädlich. Ich wünschte losdonnern zu können.
Interessieren wird es Sie, daß wegen Berlin tatsächlich wieder etwas im Gange ist. So früh hatte ich es nicht erwartet. Aber natürlich - der Ausgang ist ganz dunkel.
Sie müssen entschuldigen, liebe Freundin,
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| wenn ich so kurz schreibe. Im Grunde halten Sie das ja immer noch für Ausfluß des bösen Willens. Aber ich muß von neuem versichern, daß ich speziell jetzt nicht kann. Ich muß alle Zeit auf das Pflichtmäßige anwenden, u. außerdem sehr vorsichtig mit den Nerven umgehen. Infolgedessen kann ich vorm 8. Juni garnicht mehr schreiben. Lesen hingegen kann ich Briefe immer noch. Also lassen Sie von sich hören u. vom Heidelberger Leben. Es ist wohl nicht nötig, daß ich mein Interesse daran lange bekunde.
Vestigia terrent: der Bruder v. Frau Riehl ist völlig überarbeitet im Klösterli, u. der kl. Scholz sieht geradezu bedrohlich aus. Obwohl ich mit m. Kraften sehr rationell umgehe, bleibt doch immer noch viel Anstrengung, besonders, wenn Anlaß zum Ärger hinzukommt.
Sorgen Sie also dafür, daß ich mich nicht ärgere; Sie können ja so schön Wolken verscheuchen. Mögen sie auch Ihnen fern sein! - Mein Vater läßt herzlich grüßen! -
Innig wie stets Dein Eduard.